"Haben eine lange Kontinuität des Antisemitismus"

Interview17. März 2013, 17:41
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Historikerin Johanna Gehmacher über die frühere antijüdische Programmatik der Parteien - und die antisemitische Stimmung in der Bevölkerung

STANDARD: Warum brechen die Debatten über den Antisemitismus von Leopold Kunschak (ÖVP) und Karl Renner (SPÖ) ausgerechnet jetzt auf? Steckt da noch mehr dahinter als der 75. Jahrestag des "Anschlusses" und womöglich Vorwahlgeplänkel?

Johanna Gehmacher: Wir leben in einer Gesellschaft, die eine weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte des politischen Antisemitismus hat, der tiefgreifend war und breite Bevölkerungsschichten erfasste. Da dieser Antisemitismus nicht hinreichend aufgearbeitet wurde, ist es nicht verwunderlich, dass das Thema oft hochkommt.

STANDARD: Überrascht es Sie nicht, wenn mit längst bekannten Fakten versucht wird, den politischen Gegner anzuschütten?

Gehmacher: Tatsächlich wurde die antisemitische Politik des späteren ÖVP-Mitbegründers Leopold Kunschak schon in den 1970er-Jahren durch den Zeithistoriker Anton Staudinger thematisiert. Man sollte sich aber klarmachen, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung zwar oft eine Voraussetzung für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ist, diese aber nicht ersetzen kann.

STANDARD: Kommen wir auf die wissenschaftlich erforschten Fakten des Antisemitismus zu sprechen. Wo wäre da zu beginnen?

Gehmacher: Entscheidend ist für mich die Tatsache, dass wir in einem Land leben, das von seiner Grundkonstitution eine antisemitische Geschichte hat. Wie war 1918, 1919 die Zusammensetzung der Staatsbürgerschaft? Das war ja so, dass jene Bürgerinnen und Bürger der Monarchie, die außerhalb der Republiksgrenzen beheimatet waren, ein Optionsrecht auf die österreichische Staatsbürgerschaft hatten. Doch es gab Vollzugsanweisungen, die ergänzten: wenn sie nach "Rasse und Sprache dem deutschen Volk" angehörten. Das heißt, die Staatsbürgerschaft ist schon am Beginn der Ersten Republik von solchen Grundsätzen geprägt. Wir haben eine lange Kontinuität des Antisemitismus, in der die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus einen schrecklichen Höhepunkt darstellt.

STANDARD: Wie wichtig war für den Antisemitismus der Erste Weltkrieg, als es bei großer wirtschaftlicher Not zu massiver Zuwanderung aus dem Osten kam?

Gehmacher: Die mehr als 20.000 jüdischen Kriegsflüchtlinge, die nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Gebiet der Republik lebten, sind durch die Monarchiebehörden aus der Kriegszone evakuiert worden und in Wien gestrandet, da sie vielfach nicht in ihre Heimat zurückkonnten. Dies wurde von großen Teilen der österreichischen Bevölkerung 1918 als Bedrohung wahrgenommen ...

STANDARD: ... und wurde auch von den Parteien instrumentalisiert.

Gehmacher: In dieser Situation gab es unterschiedliche Positionierungen der Parteien. Einzelne Politiker wie der christlichsoziale Kunschak gingen dabei so weit, in einem Gesetzesantrag Internierung, Anhaltung und Deportation zu fordern. Zu verstehen ist dies nur im Kontext einer antisemitischen Grundhaltung seiner Partei. Dann gab es noch die rassistisch-antisemitische Tradition der Großdeutschen. Beide Parteien waren in ihrer Programmatik wie auch in ihrer Propaganda - wenn auch mit anderen Schwerpunkten - antijüdisch ausgerichtet.

STANDARD: Und wie war das mit den Sozialdemokraten?

Gehmacher: Auch deren Propaganda nahm zum Teil die antisemitische Stimmung in der Bevölkerung auf. Aber es ist ein Unterschied, ob man programmatisch antijüdisch ist oder ob man das propagandistisch aufgreift.

STANDARD: In der Sozialdemokratie gab es damals doch auch eine größere Nähe zum Judentum.

Gehmacher: Es geht meines Erachtens nicht um die Zahl sozialdemokratischer Parteimitglieder jüdischen Glaubens. Die Frage muss doch vielmehr lauten, welche Partei diesbezüglich keinen Unterschied machte. Die anderen Parteien definierten sich entweder wie die Christlichsozialen über die christliche Religion oder schlossen wie die Großdeutschen Juden und Jüdinnen mit rassistischen Begründungen aus.

STANDARD: Wie hat sich der Antisemitismus nach 1945 in Österreich entwickelt?

Gehmacher: Staudinger zitiert eine Umfrage aus den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs, nach der in manchen Städten bis zur Hälfte der Befragten meint, dass es zwar nicht richtig war, was man den Juden angetan habe, aber dass man irgendetwas habe tun müssen. Wir leben in einer Gesellschaft mit einer antisemitischen Tradition. Beispiel Einbürgerungspolitik nach 1945: Eine große Gruppe sudetendeutscher Flüchtlinge wird eingebürgert, aber praktisch keine jüdischen Holocaust-Überlebenden. Vor diesem Hintergrund können wir uns nicht darauf beschränken, bloß mit dem Finger auf einzelne Politiker wie Renner und Kunschak zu zeigen. Die parteipolitische Instrumentalisierung des Themas ist aber einer gründlichen Aufarbeitung leider oft eher hinderlich.

STANDARD: Der US-Historiker Bruce Pauley behauptete 1993 in seiner großen Studie über den österreichischen Antisemitismus, dass keine Gruppe in der Ersten Republik antisemitischer war als die Studenten. Sehen Sie das auch so?

Gehmacher: Ganz sicher ist, dass die Universität in der Zwischenkriegszeit ein Ort des Antisemitismus ist. Das lag zum Gutteil auch daran, dass sich die Deutsche Studentenschaft das Alleinvertretungsrecht der Studierenden gesichert hatte. Weder die jüdische noch die linke Minderheit konnte daneben sichtbar werden.

STANDARD: Engelbert Dollfuß war CV-Mitglied und sagte 1920, dass die Fremdländerfrage an der Uni Wien nur durch Rausschmiss der Juden gelöst werden kann. Emmerich Cermak, Unterrichtsminister der Christlichsozialen, sagte 1936: "Der CV ist judenfrei." Welche Rolle spielte der Cartellverband?

Gehmacher: Der Cartellverband partizipierte zweifelsohne am christlichen Antisemitismus der Zwischenkriegszeit.

STANDARD: Der Dr.-Karl-Lueger-Ring wurde in Universitätsring umbenannt. Ein richtiger Schritt?

Gehmacher: Auch wenn ich die Rückkehr zum historischen Namen "Ring des 12. November" und damit zur Erinnerung an die Republikgründung für historisch richtiger gehalten hätte, ist es für mich eine Erleichterung, wenn ich als Adresse meines Arbeitgebers nicht den Namen von jemandem nennen muss, von dem ich als Historikerin weiß, dass er den politischen Antisemitismus massiv befördert hat.

STANDARD: Müssten nicht konsequenterweise viele andere Straßen umbenannt werden?

Gehmacher: Grundsätzlich glaube ich schon, dass Umbenennungen Sinn machen. Aber die müssen gut begründet sein und diskutiert werden. Eine schnelle Meinung zu haben reicht nicht.

STANDARD: Wie sehen Sie die Aufarbeitung des Antisemitismus und der NS-Verstrickungen in den Parteien? Liegt da alles auf dem Tisch?

Gehmacher: Da bestehen schon Defizite. Es gibt die Studie von Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz zum Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen (BSA) und das unter der Leitung von Maria Mesner durchgeführte Forschungsprojekt zum Umgang der Nachkriegs-SPÖ mit ehemaligen Nationalsozialisten. Vergleichbares habe ich bislang zu anderen Parteien nicht gefunden. Eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit würde vielen Organisationen gut anstehen. Man sieht bei denen, die ihre Geschichte offenlegen, dass es nicht schadet. (Peter Mayr und Klaus Taschwer, DER STANDARD, 18.3.2013)

JOHANNA GEHMACHER (51) ist seit Oktober 2012 Vorständin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

Wissen: Historikerstreit über Kunschak und Renner

Der 75. Jahrestag des "Anschlusses" und der 60. Todestag Leopold Kunschaks am 13. März waren für den Historiker Kurt Bauer Anlass, um im STANDARD an die antisemitische Gesinnung des ÖVP-Mitbegründers zu erinnern, der auch die österreichische Unabhängigkeitserklärung mitunterzeichnet hat. Kunschak, nach dem auch ein Preis benannt ist, habe sich selbst noch 1945 antisemitisch geäußert. Die Kritik an Bauers Text folgte postwendend - und eher in Form einer Gegenrechnung: Die SPÖ-Ikone Karl Renner (1870-1950) - ebenfalls Namensgeber eines Preises, den auch Kunschak erhielt - sei ein mindestens so großer Judenhasser gewesen wie sein ÖVP-Pendant, entgegnete Franz Schausberger, ehemaliger VP-Landeshauptmann von Salzburg und heute Uni-Dozent für Geschichte, tags darauf. Zudem war Renner auch noch "Anschluss"-Befürworter. Schließlich kritisierte Historiker Paul Mychalewicz, dass echte Belege für Leopold Kunschaks Äußerungen nach 1945 fehlen würden und Vorwürfe der "Unbelehrbarkeit" entsprechend falsch seien.

Offen blieb die Frage, ob Kunschak und Renner nur Ausnahmen waren - oder ihr Antisemitismus typisch war für die Parteien, an deren Spitze sie standen. Von den Deutschnationalen einmal ganz zu schweigen. (tasch)

  • Historikerin Johanna Gehmacher: "Umbenennungen machen Sinn."
    foto: standard/newald

    Historikerin Johanna Gehmacher: "Umbenennungen machen Sinn."

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