Wie "unbelehrbar" war Leopold Kunschak wirklich?

Kommentar der anderen15. März 2013, 21:19
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Zählten Leopold Kunschak und Karl Renner nicht nur zu den Gründungsvätern, sondern auch zu den "Inglourious Basterds" der Republik?

Kurt Bauer stellt Leopold Kunschak als unverbesserlichen Antisemiten bis nach 1945 dar. Kunschaks antisemitische Äußerungen vor 1938 sind unbestritten. Es ist allerdings schon bemerkenswert, dass - wie Franz Schausberger anhand von Quellen nachweist - für Karl Renner Leopold Kunschak noch zu wenig antisemitisch war.

Ungleich gravierender ist jedoch Bauers Vorwurf, Kunschak habe sich auch nach 1945 antisemitisch geäußert. Bauer ist offensichtlich ein von mir verfasster Beitrag im Jahrbuch des Karl-von-Vogelsang-Instituts, erschienen 2011, nicht bekannt. Ausgangspunkt meiner Untersuchungen war insbesondere ein in der Literatur verschiedentlich - und auch von Bauer - zitierter Artikel des in Zürich erschienenen Israelitischen Wochenblatts vom 7. Dezember 1945, wonach "Dr. Kuntschak" (sic!) bei einer Kundgebung vor vielen tausenden Personen unter heulendem Beifall gegen die Einreise polnischer Juden gesprochen habe. An anderer Stelle wird eine antisemitische Rede Kunschaks am 14. September 1945 erwähnt. Ich habe daher die einschlägigen Zitate systematisch überprüft und einer quellenkritischen Analyse unterzogen - auf der Grundlage von Polizeiberichten, Zeitungsartikeln und Zeitzeugen-Befragungen. Das Ergebnis war, dass sich keine entsprechenden Hinweise auf die genannten Massenveranstaltungen finden ließen.

Man könnte nun einwenden, dass dies noch kein Beweis dafür sei, dass eine Veranstaltung mit antisemitischen Äußerungen Kunschaks nicht doch stattgefunden habe. Dazu ist die Art der Quelle näher zu betrachten: Polizeiberichte beschreiben sehr detailliert eine Vielzahl von kleinen Veranstaltungen, aber auch sonst relevant erscheinende Vorkommnisse. So wird auch von einer Kundgebung für die Jugend vor dem Rathaus, die knapp nach dem zuvor genannten 14. September 1945 stattfand, berichtet. Kunschaks Teilnahme (neben anderen Politikern, auch der SPÖ) wird dabei ausdrücklich erwähnt. Es erscheint daher praktisch ausgeschlossen, dass eine Veranstaltung der zuvor genannten Größenordnung unerwähnt geblieben wäre. Zur wissenschaftlichen Absicherung wurden die damals in Wien erschienenen Zeitungen (Neues Österreich, Wiener Kurier, Arbeiter-Zeitung, Volksstimme und Kleines Volksblatt) überprüft. Nirgends findet sich ein entsprechender Artikel.

Fazit: Das angebliche Kunschak-Zitat aus dem Jahr 1945 fußt offenbar nur auf Mitteilungen aus zweiter Hand. Ein quellenmäßiger Beweis für die Kunschak zugeschriebenen antisemitischen Äußerungen konnte nicht gefunden werden. Der Vorwurf, Kunschak habe sich nach 1945 noch antisemitisch geäußert, lässt sich somit seriöserweise nicht aufrechterhalten. - Aufschlussreich ist im Übrigen eine Beurteilung Kunschaks von einem unverdächtigen Zeugen. Hugo Breitner, Finanzstadtrat im Roten Wien und jüdischer Abstammung, schreibt in einem vertraulichen Brief vom 7. Mai. 1945, verfasst im kalifornischen Exil, an einen Parteigenossen über Kunschak: "Kunschak ist unter den Christlichsozialen nach meiner 16-jährigen Erfahrung der Anständigste." (Paul Mychalewicz, DER STANDARD, 16./17.3.2013)

Paul Mychalewicz ist Historiker und unterrichtet an einer Wiener AHS.

Nachlese

Kurt Bauer: Der "Anschluss" und der Judenhass einer ÖVP-Ikone

Franz Schausberger: Der "Anschluss" und der Judenhass einer SPÖ-Ikone

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