Ein kluger Kopf, der nicht widerspricht

Kopf des Tages15. März 2013, 18:29
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Der neue Ministerpräsident der Volksrepublik steht zwar im Ruf, einer der brillantesten Köpfe der neuen Führergeneration Chinas zu sein, aber nicht besonders viele Erfolge vorzuweisen zu haben

Nach ihrer Einschätzung zu Li Keqiang gefragt, lächeln die meisten Chinakenner vielsagend. Und gelegentlich fragen sie zurück: "Was hat er denn bisher geleistet?" Das ist in der Tat eine gute Frage, denn der neue Ministerpräsident der Volksrepublik steht zwar im Ruf, einer der brillantesten Köpfe der neuen Führergeneration Chinas zu sein, aber eben nicht besonders viele Erfolge vorzuweisen zu haben. Am Freitag wurde er dennoch vom Volkskongress zum zweiten Mann im Staat gewählt, der Machtwechsel in Peking ist damit abgeschlossen.

Der 57-Jährige ist der erste Ökonom, der das Steuer des Staatsrats übernimmt - akkurat in einer Zeit, in der sich das Land von frenetischen Wachstumsorgien auf ein nachhaltigeres, umweltschonenderes Wirtschaftsmodell besinnen muss. Gleichzeitig muss er die chinesische Volkswirtschaft weiter von Export- auf Binnennachfrage umstellen. Für einen, der eher als Akademiker denn als anpackender Reformer gilt, scheinen das beinahe unbewältigbare Aufgaben zu sein.

Aus einfachen Verhältnissen

Li ist aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen. Der Beamtensohn aus der Provinz Anhui soll schon in der Volksschule Sunzis Kunst des Krieges gelesen haben. Ein sehr gutes Englisch brachte er sich als Autodidakt bei. In der Kulturrevolution musste er aufs Land, 1976 trat er in die Partei ein. An der Uni in Peking studierte er Jus und Wirtschaftswissenschaften. Als einer der Jahrgangsbesten war er eigentlich für weitere Studien im Ausland vorgesehen. Jahrgangskollegen beschreiben ihn als unabhängigen Denker, der dennoch nie gegen die Parteiräson verstieß.

So blieb er auch auf Anraten eines Parteifreundes in Peking und wurde Jugendliga-Vorsitzender der Hochschule. Ab 1983 arbeitete Li direkt unter seinem späteren Förderer Hu Jintao - eine Seilschaft, die bis heute hielt. 1998 wurde er mit 43 in Henan Chinas jüngster Parteichef. Dort zeigte er auch, dass er ruchlos sein konnte, wenn es um die Reputation der Partei ging: Die Opfer eines Skandals um HIV-verseuchtes Blut brachte er schnell und effizient zum Schweigen.

Der Plan von Exstaatschef Hu, ihn ganz nach oben zu hieven, misslang. Die Schanghai-Fraktion unter Jiang Zemin brachte auf dem Parteitag 2007 Xi Jinping als neuen Führer durch. Li Keqiang wurde Nummer zwei. Rivalitäten zwischen den beiden sind bisher nicht erkennbar. Verheiratet ist Li mit der Literaturforscherin Cheng Hong. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 16./17.3.2013)

 

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