"Die Wettmafia sitzt vor unserer Nase"

Interview15. März 2013, 19:03
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Bestsellerautor Jürgen Roth wundert nicht, dass Wettmafia in Österreich viel Geld einsetzt - Zu lange hätten Polizei, Justiz und ÖFB zugeschaut

Standard: Im jüngsten Champions-League-Schlager hat Bayern München daheim gegen den FC Arsenal verloren, ist aber trotzdem im Bewerb weitergekommen. Riecht das nach Schiebung?

Roth: Nein, weil Bayern München es nicht nötig hat, mit Wettbetrug Geschäfte zu machen.

Standard: Aber es gab schon einmal einen Verdachtsfall, in den die Münchner Kicker involviert waren. 2008 verloren sie mit 4:0 ungewöhnlich hoch gegen Zenit St. Petersburg und schieden aus. In Ihrem Buch "Unfair Play" zitieren Sie aus einem entsprechenden Geheimbericht der Uefa. Bayern hat die Vorwürfe immer bestritten.

Roth: Das ist in der Tat bis heute nicht richtig aufgeklärt, weil die Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen aus Madrid, wo gegen Mafiosi ermittelt wurde, nie erfüllt hat. In einem Abhörprotokoll hatte es geheißen, dass das Spiel um 50 Millionen gekauft gewesen sei. Währung wurde keine genannt. Im Gegensatz zu Bayern kam von Zenit St. Petersburg nie ein Dementi.

Standard: Österreich zeichnet sich laut Europol mit einer der höchsten Bestechungssummen im Fußball aus. Die Rede ist von 140.000 Euro für einen Spieler aus einer unteren Liga. Überrascht Sie das?

Roth: Nein, das überrascht mich überhaupt nicht. Ermittler an der Front in Österreich machten seit Jahren darauf aufmerksam, dass sowohl in der unteren als auch oberen Fußballklasse Spiele gedreht werden. Nur das geschätzte Bundeskriminalamt zeigte lange kein Interesse daran. Auch die Justiz wollte offenbar nicht hinter die Kulissen schauen. Was Europol zuletzt herausgegeben hat, sind ja bekannte Fälle.

Standard: Mittlerweile hat das Bundeskriminalamt aber mit einem eigenen Büro zur Aufklärung von Wettbetrug sowie einer Meldestelle reagiert. In Österreich wird derzeit bei der Staatsanwaltschaft Graz gegen 14 Verdächtige ermittelt.

Roth: In Graz waren die Ermittler ja auch in der Vergangenheit so frustriert, weil nichts passiert ist.

Standard: Warum verlief da anscheinend viel im Sand?

Roth: Unter anderem sicher deswegen, weil die Justiz Probleme mit den komplexen und komplizierten Strukturen hatte. Auf der anderen Seite galt der Österreichische Fußballbund immer als große Ermittlungsbremse. Es gibt ja im Vorstand Verbindungen zu den Lotterien, und von deren Zuschüssen lebt ja auch der ÖFB. Ermittler haben mir erzählt, dass auch Politiker, die im Aufsichtsrat von Wettanbietern sitzen, interveniert haben.

Standard: Geht es bei Spielmanipulationen nur um möglichst hohe Wettgewinne?

Roth: Bei internationalen Spielen geht es um richtig viel Geld, aber es geht auch um das Image eines Vereines. Hinter dem Wettbetrug verbirgt sich prinzipiell Korruption und Geldwäsche. Auch Spielertransfers sind geradezu ideal für das Hin- und Herschieben von Geld, das aus unseriösen Quellen stammt. Schon deswegen lohnt es sich für dubiose Geschäftsleute, einen Fußballklub zu besitzen. Vor allem in Osteuropa haben Kriminelle oft zumindest Anteile an Klubs. Vielleicht bin ich ein Pessimist, aber ich glaube, dass es da eine sehr hohe Ansteckungsgefahr auch in Westeuropa gibt. Teilweise gibt es ja bei kleineren Klubs schon jetzt eher unerklärlich hohe Investitionen.

Standard: Unternehmen Sportverbände genug, um Wettbetrug zu verhindern?

Roth: Es gibt viele Verbände, die das wirklich versuchen. Aber wenn Sie sich Herrn Blatter (Sepp Blatter, Präsident des Weltfußballverbandes Fifa; Anm.), anschauen, wird klar, dass der Aufklärungswille extrem gering ist. Solange diese Fußballkurie in der Schweiz noch beherrschend ist, solange noch keine Transparenz herrscht, so lange wird Sport Betätigungsfeld von Korruption und organisierter Kriminalität sein. Was Europol zuletzt veröffentlicht hat, geht zu 95 Prozent auf die Tätigkeit nur einer einzigen Staatsanwaltschaft, nämlich der in Bochum, zurück. Und das ist schon bedenklich.

Standard: Und Wettanbieter? Ist deren Engagement gegen Manipulationen groß genug?

Roth: Das der seriösen Wettanbieter auf jeden Fall. Es geht ja um ihr Geschäft. In dem Moment, in dem bekannt wird, dass ein Wettanbieter mit Kriminellen kooperiert, sind Image und Geschäft natürlich kaputt.

Standard: Asien wird hierzulande oft als El Dorado der internationalen Wetthaie beschrieben?

Roth: Natürlich gibt es die Wettmafia in Hongkong, China und Singapur. Aber kriminelle Hinterleute aus Osteuropa sind bei uns viel präsenter. Wenn Absprachen getroffen werden, geschieht das häufig mit direkter Erpressung, teilweise mit purer Gewalt. Das halte ich im Prinzip für weitaus gefährlicher, weil diese Wettmafia im Gegensatz zu Gruppierungen aus Asien direkt vor unserer Nase sitzen und nicht nur den Fußball, sondern auch andere Sportarten wie Eishockey oder Basketball unsicher machen.

Standard: Heftige Schmiergeldvorwürfe gibt es immer wieder im Zusammenhang mit großen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften. Wie, wenn überhaupt, kann diese Entwicklung gestoppt werden?

Roth: Indem man an Länder, in denen Korruption zur politischen Kultur gehört, diese Veranstaltungen nicht vergibt. (Michael Simoner, DER STANDARD, 1.6/17.3.2013)

Jürgen Roth, Jahrgang 1945, ist einer der bekanntesten Aufdeckerjournalisten Deutschlands. In seinen Büchern (u. a. "Der Oligarch", "Mafialand Deutschland", "Unfair Play", "Spinnennetz der Macht") widmet er sich seit vier Jahrzehnten korrupten und kriminellen Strukturen und deren Verflechtungen mit dem Wirtschaftssystem - auch in Österreich. Immer wieder legt er sich dabei auch mit mächtigen Unternehmen, wie zum Beispiel dem russischen Erdgasgiganten Gasprom, an.

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    foto: ap
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