Schwellenländer: Das Wachstum ist da

Interview16. März 2013, 18:29
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Mark Mobius warnt, dass China Opfer des Währungskriegs werden könnte, China und USA werden sich annähern

Standard: Ökonomen warnen vor einem "Währungskrieg", im Zuge dessen die Notenbanken versuchen, ihre eigenen Währungen auf Kosten anderer Länder zu schwächen. China hat im vergangenen Jahrzehnt von einer künstlich niedrigen Währung profitiert. Droht das größte Schwellenland nun zu einem Opfer zu werden?

Mobius: Das ist eine Gefahr. Der chinesische Renminbi hat deutlich aufgewertet, und das erhöht die Chance, dass China erheblich an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Nicht ohne Grund haben bereits einige Unternehmen ihre Produktion aus China verlagert, etwa nach Vietnam oder Bangladesch. Aber das Land weiß um den scharfen Wettbewerb. Deshalb importiert China aktuell so viele Technologien, die die Produktivität erhöhen sollen, etwa Roboter.

Standard: Droht der Wachstumslokomotive China eine Notbremse?

Mobius: Nein. Der gestiegene Wettbewerb und die höhere Währung sollten kein großes Problem sein, das Land wächst weiter solide. Aber China steckt mitten in einer Neuorientierung. Es war lange Zeit eine exportgetriebene Volkswirtschaft, und das wird sich zugunsten eines konsumgetriebenen Wachstumsmodells ändern. Der aktuelle Fünfjahresplan sieht genau diese gesunde Neuausrichtung vor. Das chinesische Wachstumsmodell wird sich dem US-amerikanischen annähern. Der private Konsum wird wichtiger.

Standard: Aber dafür müsste doch die enorm hohe Sparquote von mehr als 40 Prozent zurückgehen. Sind die Chinesen schon bereit, mehr zu konsumieren?

Mobius: Es wurden zumindest gute Voraussetzungen dafür geschaffen. In den vergangenen Jahren sind die Löhne zweistellig gewachsen. Gleichzeitig werden in den kommenden Jahren grundlegende soziale Sicherheitsnetze gespannt, etwa eine Arbeitslosenversicherung oder Zugang zu Krankenversorgung. Das war bisher nicht der Fall, und daher mussten die Menschen in China selbst vorsorgen und haben viel gespart. Hier muss noch viel geschehen.

Standard: Aber diese Vorschläge sind das Gegenteil von dem, was in Europa passiert. Hier werden Löhne und soziale Netze gekürzt, um im Wettbewerb zu bestehen.

Mobius: In Europa wurden die Netze zu dicht gespannt und waren zu teuer. Diese Entwicklung ist einfach zu weit gegangen. Aber China ist nicht einmal in der Nähe von diesem Problem, das Land hat drei Billionen US-Dollar (2300 Milliarden Euro, Anm.) an Währungsreserven. Es hat gespart.

Standard: Angesichts der jüngsten Erholung an den Börsen waren Schwellenländer-Aktien gefragt. Sind die Märkte bereits teuer?

Mobius: Nein, im historischen Vergleich sind wir in weiten Teilen noch günstig bewertet. Besonders attraktiv sind die Frontier Markets, Märkte in Afrika und Teilen von Asien, die noch viel wirtschaftliche Entwicklung vor sich haben. Viele Länder sind gut aufgestellt, um von einer globalen Erholung zu profitieren.

Standard: Hoffnungen auf nachhaltiges Wachstum in Afrika hat es oft gegeben. Was ist jetzt anders?

Mobius: Heute gibt es enorme Möglichkeiten, allein schon durch die neuen Technologien, die bereits in Afrika Fuß fassen, etwa mobile Telefonie. Natürlich gibt es Länder, die derzeit mit massiven politischen Risiken zu kämpfen haben, etwa Mali. Aber die Realität ist, dass sich die Situation am Kontinent insgesamt deutlich verbessert hat. Von den zehn am schnellsten wachsenden Ländern weltweit im vergangenen Jahrzehnt waren sechs aus Afrika. Das Wachstum ist auf alle Fälle da.

Standard: Was könnte ein Hemmschuh für die Entwicklung werden?

Mobius: Diese Länder hängen vom Export von Rohstoffen ab, von Sojabohnen über Öl bis zu Eisenerz. Das ist das Fundament vieler Volkswirtschaften. Ihr Problem ist eindeutig: mangelnde Infrastruktur und steigende Kosten. Viele Minenunternehmen etwa mussten Milliardenabschreibungen vornehmen. In Afrika muss also noch viel investiert werden: Es braucht Eisenbahnverbindungen, Straßen, Autobahnen, Flughäfen. Dann werden viele Flaschenhälse vermieden, und Afrika kann schneller wachsen.

Standard: Das größte Land Lateinamerikas, Brasilien, hat 2012 enttäuscht und ist kaum gewachsen. Was ist mit dem Land los?

Mobius: Brasilien hat immer noch eine gesunde Volkswirtschaft. Gleichzeitig ist das Wachstum sicher nicht so hoch, wie wir es gerne hätten, auch weil die Regierung nicht sehr glücklich agiert hat. Steuersenkungen und der Abbau von Bürokratie könnten dieses Problem aber lösen. (Lukas Sustala, DER STANDARD; 16.3.2013)

MARK MOBIUS (76) ist Fondsmanager und gilt als "Altmeister der asiatischen Aktie". Er leitet die Templeton Emerging Markets Group, die rund 35 Milliarden Euro an Kundengeldern verwaltet.

  • Mobius: Der gestiegene Wettbewerb und die höhere Währung sollten für China kein großes Problem sein, das Land wächst weiter solide.
    foto: franklin templeton

    Mobius: Der gestiegene Wettbewerb und die höhere Währung sollten für China kein großes Problem sein, das Land wächst weiter solide.

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