Bilderfahrzeug mit Reifenplatzer

15. März 2013, 17:26
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Ausstellungen zu Aby Warburgs "Mnemosyne-Atlas" in Madrid und Hamburg waren der Auslöser für die Ausstellung "Große Gefühle" in Krems

Wien - Zerschmetterte, blutige Leiber liegen auf den Stufen vor dem Tempel, die Augen und Münder im Todeskampf weit aufgerissen. Arme und Beine ragen aus dem Schuttberg tonnenschwerer Steinquader hervor. An einem Balken des eingeknickten Dachstuhls baumelt ein Leichnam. Es ist der Schauplatz eines der bekanntesten Selbstmordattentate der Geschichte: Samson stemmt sich mit aller Kraft gegen die Säulen des Philistertempels und bringt diesen zum Einsturz. Er rächt sich an dem Volk, das ihm, dem Nasiräer, die Haare, Geheimnis seiner Kraft, abschnitt.

Bildbestimmend sind im Gemälde Johann Heinrich Schönfelds aus dem 17. Jahrhundert jedoch die Ruine und die unheilvollen (Rauch-)Wolken über der Szene; erst im Nähertreten blickt man mit schmerzvollem Entsetzen in das menschliche Antlitz des Todes.

Der Inbegriff des Katastrophenbilds unserer Tage ist allerdings ein entmenschlichtes: Es sind die gekappten Zwillingstürme von New York, aus denen Feuerbälle und pechschwarzer Qualm dringen; die Toten, sie kommen in diesem ikonisierten Bild des Grauens und kollektiven Leids nicht vor. Hans-Peter Feldmann hat aus 151 Titelseiten internationaler Zeitungen vom Tag nach 9/11 eine erschütternde Installation montiert. Fragt man nach dem Nachleben der antiken Bilder im Heute, so gibt diese Gegenüberstellung - als Auftakt der Ausstellung Große Gefühle platziert - eine bildgewaltige und auch gelungene Antwort.

Denn dieser das Leben des Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg (1866-1929) bestimmenden Forschungsfrage widmet sich die Kunsthalle Krems in ihrer aktuellen Schau, die mit Werken seit dem Alten Ägypten über 26 Jahrhunderte hinweg Brücken bis in die Gegenwart schlägt. Warburg, der vielen als Begründer moderner Bildwissenschaften gilt, wollte das Phänomen der immer wiederkehrenden Bildmuster veranschaulichen: Er glaubte an ein in der Kunst konserviertes Gestenrepertoire der Gefühle - die Pathosformeln.

Warburg verfolgte die Idee von Kunst als "sozialem Erinnerungsorgan", sprach von "automobilen Bilderfahrzeugen", in denen die in Kunst- und Kulturgegenständen gespeicherten Bildformeln über Zeit und Raum hinweg transportiert werden. Für diese These nahm er es mit einem schier unermesslichen Bilderuniversum auf; er wollte es bezwingen, indem er es seiner Idee der Klassifikation verpflichtete. Aus mehr als 2000 Abbildungen unterschiedlichster Quellen (Kunstreproduktionen, Werbung, Ansichtskarten und sogar Briefmarken) schuf er seinen unvollendeten, bis zu seinem Tod immer wieder neu arrangierten Mnemosyne-Atlas (griechisch für Erinnerung), auf 40, heute verlorenen Bildtafeln.

Zu entschlüsseln sind Warburgs Bildkombinationen selten, genau in dieser rätselhaften Differenz scheint aber die Faszination zu liegen. Jedenfalls ist Warburg zu einer kultigen Referenzfigur der Kuratoren geworden, denn sein Mnemosyne-Atlas liefert im Variablen und Provisorischen ein Modell dafür, wie sich selbst das heterogenste Bildmaterial nachbarschaftlich arrangieren lässt.

Bedeutungsschöpfung

Das Unverbindliche, Unlesbare öffnet einen geheimnisvollen Horizont, an dem sich neue Bedeutungen finden könnten. Die Bilderkombination regt das semantische Denken an, und die selektive Wahrnehmung, die zumeist unbewusste Suche des Gehirns nach Mustern, um neues Wissen in bereits vorhandenes besser eingliedern zu können, tut das Übrige.

Und daraus leitet sich auch der Verdacht ab, dass Warburg hier allzu sehr Alibi ist, um publikumswirksame Gefühlsthemen (Angst, Schock, Melancholie, Liebe, Trauer, Sehnsucht, Leid, Zorn, Einsamkeit) und den beliebten Dialog zwischen alter und neuer Kunst zu unterfüttern. Die ausgewählten Arbeiten aus dem Kunsthistorischen Museum und einer italienischen Gegenwartskollektion sind zweifellos hochkarätig, sie funktionieren für sich allein. Jedoch: Meistens bleiben die Gegenüberstellungen beliebig und aussageschwach, überwiegt reine Illustration der Gefühlswelten (glückt nicht überall), und es fehlt der Kunst oft der Raum, um Wirkung zu entfalten. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16./17.3.2013) 

Bis 30. 6.

  • Im kurzen Kapitel "Zorn" behandelt man auch noch dessen kreativen Ausbruch im Furor: Matthew Barney, "Cremaster 5".
    foto: gladstone

    Im kurzen Kapitel "Zorn" behandelt man auch noch dessen kreativen Ausbruch im Furor: Matthew Barney, "Cremaster 5".

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