Wittgenstein in Bausch und Bogen

15. März 2013, 17:37
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Die Wittgensteins ließen ihre Refugien von der WW ausstatten: Eine Sonderausstellung vereint nun Getrenntes

Ein altes Wiener Scherzwort, so ist es überliefert, soll zwischen den " Wittgenstein-Haben" und den "Wittgenstein-Sein" unterschieden haben. Karl, der erfolgreiche Stahlindustrielle jüdischer Herkunft, soll die für erfolgreiche Unternehmer übliche Erhebung in den Adelsstand brüsk abgewiesen haben. Er, ein illegitimer Abkömmling der deutschen Hocharistokratie, gedachte schlichtweg nicht, einer der gewöhnlichen "Ringstraßenbarone" zu werden.

Um die Jahrhundertwende gehörten sie jedenfalls zu den reichsten Familien der Wiener Gesellschaft. Großzügig unterstützte man den Bau der Secession und förderte auch sonst die zeitgenössische Kunst. Von der 1903 gegründeten Wiener Werkstätte ließ sich die verzweigte Familie über die Jahre diverse Refugien zum Teil komplett ausstatten und beauftragte sie auch mit der Ausführung singulärer Objekte.

Die Interieurs, etwa das Jagddomizil Hochreith in der Nähe von Lilienfeld oder die Berliner Wohnung seiner jüngsten Tochter Margarethe Stonborough-Wittgenstein, die zwischen 1904 und 1906 entstanden, sind in ihrer authentischen Zusammenstellung nicht erhalten geblieben. Sporadisch tauchen auf dem Kunstmarkt Teile der von Josef Hoffmann oder Kolo Moser entworfenen Möbel auf, meist einzeln und seltener als Ensemble im Angebot von Jugendstil-Auktionen.

Nur in Ausnahmefällen bekommen sie aber auch freies Geleit: Im November 2001 offerierte das Dorotheum beispielsweise den für Hochreith 1906 ausgeführten Paravent mit exquisitem Stickereidekor (Carl Otto Czeschka). Taxiert auf 11.000-14.500 Euro blieb das mit einem Ausfuhrverbot belegte Objekt unverkauft und wurde ein Jahr später vom Dorotheum an das Mak gestiftet.

Knapp zehn Jahre später lieferte sich im Zuge der 84. Kinsky-Auktion (Mai 2011) ein Bietertrio um einen Hochreith-Spieltisch (Hoffmann/Czeschka, 1906) dank einer Ausfuhrbewilligung ein folgenreiches Gemetzel. Entgegen der Taxe von 90.000-150.000 Euro bewilligte der Käufer aus Großbritannien stolze 486.500 Euro.

"Wittgenstein only"

Nun trifft man in Maastricht auf das mit viel Liebe zum Detail restaurierte Objekt, konkret beim Belgier Yves Macaux. Wie viel er dafür aktuell verlangt, will der langjährige Tefaf-Aussteller mit Niederlassungen in Brüssel und London nicht veröffentlicht wissen. In den letzten Jahren konnte er einige Möbel dieser Provenienz akquirieren, die er nun unter dem Motto "Wittgenstein only" zum Verkauf offeriert. Darunter etwa auch ein Stuhl-Quartett aus dem Dining-Room in Hochreith oder ein Paar Wandleuchten aus dem Berliner Appartement.

Falls ein potenter Scheich Bausch-und-Bogen- oder ein Museumskurator Period-Room-Fantasien entwickle, ließe Yves Macaux durchaus mit sich Reden. Irgendwo zwischen fünf und zehn Millionen Euro, lässt er im Gespräch durchblicken, würde man sich wohl handelseinig. (kron, Album, DER STANDARD, 16./17.3.2013)

  • Das teuerste je versteigerte Jugendstil- Möbel (Kinsky, Mai 2011) buhlt, frisch restauriert, in Maastricht um einen neuen Besitzer.
    foto: macaux / studio formanoir

    Das teuerste je versteigerte Jugendstil- Möbel (Kinsky, Mai 2011) buhlt, frisch restauriert, in Maastricht um einen neuen Besitzer.

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