Telepathische Tiere

Kolumne15. März 2013, 17:18
14 Postings

Wenn der Kater mitten im Kopf sitzt

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Beim Eintreten in ein Motelzimmer in Kalifornien ertappte ich mich dabei, wie ich zwischen Tür und Angel geräuschvoll auf den Boden stampfte, um den Kater daran zu hindern, ins Freie zu preschen. Seit er in die Jahre kommt, wächst sein Drang nach draußen, er wähnt wohl, dass dort ein prall mit fetten Mäusen und scharfen Miezen gefülltes Universum seiner harre. Drum stampf' ich, dass ich ihn verscheuche, auf dass er uns nicht frech entfleuche.

Der Moteltürenstampfer erwies sich aber als supersinnlos, weil Balu in Wien geblieben war, ergo nicht in Santa Cruz aus dem Motel türmen konnte. Aber so ist das nun einmal mit Katzen. Auch wenn du dich physisch 10.000 km von ihnen entfernst, nimmst du sie doch mit, mental.

Katzen sind erstaunlich. Sie haben sieben Leben, sie können unsichtbar werden (Grinsekatze in Alice im Wunderland), sie können gleichzeitig leben und tot sein (Schrödingers Katze). Und sie nisten sich nachhaltig ins Gehirn ihres Besitzers oder ihrer Besitzerin ein.

Der britische Parawissenschafts-Papst Rupert Sheldrake, der sich seit Jahr und Tag mit Vorahnungen, Telepathie und ähnlichen Phänomen beschäftigt, hat in seinem Buch Der siebte Sinn der Tiere kapitelweise Geschichten über die irren Sensibilitäten von Katzen (und anderen Tieren) zusammengetragen: Katzen, die eine Viertelstunde vorher spüren, dass eine Bezugsperson nach Hause kommt, Katzen, die auszucken, wenn ein verhasster Gast fünf Häuserblocks entfernt um die Ecke biegt usf.

Auch mein Kater ist ein großer Telepath vor dem Herrn. Jetzt gerade sitzt er zu Hause und sieht mir halb gelangweilt, halb interessiert zu, wie ich im Büro diese Kolumne schreibe. Er hat die Zeigekralle seiner rechten Pfote ausgefahren und peitscht mit seinem Schweif entspannt, aber auch ein wenig warnend auf die Sesselpolsterung. Die Botschaft der Pose ist klar: Du kannst gern über mich schreiben (Anmerkung: Wir duzen einander), aber kein falsches Wort, bitte, sonst bekommen wir Probleme.

Der Volksmund kennt dieses Gefühl eines von einer Katze besetzten Hirnkastls und hat, in Abwandlung eines Heine-Gedichts, auch die richtigen Worte dafür gefunden: "Leise zieht durch mein Gemüt / eine schwarze Katze. / Wenn man sie am Schwanze zieht / macht sie eine Fratze." Ganz genau so ist es. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 16./17.3.2013)

Share if you care.