Wie ich die Haare meines Exmannes ausführte, oder: der Ungustltag

15. März 2013, 17:33
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Von Julya Rabinowich

Das Wetter vor einem Tag war eine graue Frechheit, die zwischen eisgekühltem Streugut-Staubsturm und verhangenem, drückend tiefem Spätwinter- himmel changierte. Meine Mutter hatte den Frühjahrsputz wohl aus Trotz vorgezogen und drückte mir ein kleines weiches Päckchen in die Hand.

Ich öffnete es. Darin befand sich ein Knäuel aus braunrotem, verfilztem Material, das abgestanden roch. Die langen Haare meines Exmannes, auf die er einst so stolz gewesen war, die er mit einem einzigen entschiedenen Scherenschnippen abgetrennt hatte und die seit zehn Jahren im mütterlichen, bis zur Decke mit absurdesten Dingen angefüllten Abstellkammerl gelagert wurden. Ob von mir oder von ihm, ich weiß es nicht mehr. Mehr hatte sie nicht aussortiert.

Was tut man mit den Haaren des Expartners? Verbrennen? Wegwerfen? Zu Hause lagern? Ich beschloss, diese sensible Entscheidung ihm zu überlassen. Erreichte ihn aber nicht. Fuhr heim. Die in England bestellte, vom Mund abgesparte, doch um den Bauch nicht schließbare Lederjacke im Riesenkarton unterm Arm, machte ich mich auf den Weg zur Hauptpost, um dieses mattglänzende, metallösenbestückte Versagen eigenhändig auf den Rückweg zu bringen.

Am Schwedenplatz saß ein Hund, die Pfoten in den Boden gestemmt, konzentriert, elegant wie eine ägyptische Sphinx. Fest verankert in dieser Welt durch die Anwesenheit seiner Besitzerin, die alles andere als verankert schien, mit ihrem Rucksack und den überquellenden Plastiksäcken rundum. Der Donaukanal ist in der wankelmütigen Phase zwischen Winter und Frühjahr Grau in Schlammgrau: das Wasser, die Brücken, die Häuser, obenauf die Selbstmordrampe von Hollein, an solchen Tagen überzeugend bis einladend.

Stephansplatz. Ich kaufte Teepäckchen im Teehaus. Ging an der Freyung vorbei. Eine biedere ältere Frau mit engelsgleichem Gesicht trug ein Buch mit dem Titel Das Böse an die Brust gedrückt. Fiaker auf dem Michaelerplatz. Im kleinen Lokal hinter dem Burgtheater unterhielt ich mich mit einer Freundin und deren Exmann, die sozial gut verträglich mit mir ein kleines Tischchen und allerbeste Sardellenbrötchen teilten, öffnete die Tasche und entdeckte das längst vergessene Päckchen in trauter Nähe zwischen Earl Grey und dem Rosenblütentee.

Mich überkam widerwärtige Spiellust. "Ratet mal, was das ist", sagte ich. Sie hielten das Päckchen in der Hand, wogen es prüfend ab, griffen verträumt darauf herum, rieten zu meiner diebischen Freude dreimal falsch. Ich lüftete das Geheimnis. Einer der beiden lief aufs Klo. Es wurde sehr still. Ich hatte die zehn Jahre alten Haare meines Exmannes großzügig durch die ganze Innenstadt ausgeführt. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, Album 16./17.3.2013)

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