Jochen Jung: Was gibt es Neues in der Literatur?

16. März 2013, 16:23
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Sie sind in den Siebzigern und Achtzigern geboren und schreiben eine Literatur, in der es keine Welt vor dem Text gibt - Über eine neue Generation von Schriftstellerinnen

Mit wenigen Sätzen und auf wenigen Seiten machen sie (sich) ein Bild, Polaroids einer offenbar eben erst entdeckten Welt, und man kann es nur mit Staunen zur Kenntnis nehmen.

Eine unserer gedankenlosesten Fragen: "Was gibt's Neues?" - meist mehr eine Art Grußformel als Zeichen von echter Neugier. In der Literaturwelt ist es ein Zeichen für das wachsende Desinteresse am Alten. Die Geschichte der österreichischen Literatur besteht ja zum großen Teil aus Namen von Nicht-mehr-Gelesenen. Was aber, wenn es wirklich Neues gibt? Dann darf die Freude groß sein.

Zuvor ein kleiner Rückblick: Immer schon, auch im 19. Jahrhundert, haben österreichische Autoren die kleinen Formen bevorzugt. Als etwa in Deutschland BöllLenzGrass-Zeit war, da lauteten die wesentlichen Namen hierzulande Aichinger, Artmann, Bayer, Jandl, Mayröcker, Rühm, allesamt ganz und gar keine Romanciers, sondern Meister der kleinen Form und überhaupt Meister der Form mehr als des Inhalts (womit ich bereits mittendrin bin im strafbar groben Verkürzen und Verallgemeinern, aber, liebe Alle, die ihr hier nicht oder falsch vorkommt, von der Lyrik ganz zu schweigen: Anders geht es nicht).

Wer gefragt hätte, wovon die Texte der Wiener Gruppe eigentlich handeln, hätte drei Wochen Alkoholverbot ausgefasst. Dass es nicht leicht war, in diesen Texten etwas festzumachen, hieß natürlich nicht, dass dahinter keine Haltung zu erkennen gewesen wäre. So ernst wie die deutschen Kollegen meinten es die österreichischen auch, nur anders. Wenn schon ernst, dann wenigstens lustig. Wir danken es ihnen noch heute.

Der große Roman schien nach Doderer verschwunden, tauchte aber in den Siebzigern nach einer Zwischenstation, die man Prosa nannte, ebenso bei den Linken wieder auf (Innerhofer, Wolfgruber, Scharang, Kofler) wie bei den Nichtlinken, die nach experimentellerem Beginn das Erzählen auf eigene Faust wiederbelebten und Großes daraus machten (Bachmann, Bernhard, Handke, Jonke, Roth). Letztere schrieben Romane, wie sie die Deutschen eben nicht schrieben: sehr eigensinnige Welten, in der Inszenierung und der Sprache und der Weltdurchleuchtung einzigartig.

Die Romane für das große internationale Publikum waren das allerdings nicht, die schrieben die Amerikaner in Nord und Süd, und als sich dann in den Achtzigern auch hier eine neue Generation meldete, war der Ehrgeiz groß, auch so etwas zu versuchen. Es entstanden Werke, die den österreichischen Stoff formal auf internationaleren Schienen zum Rollen brachten (Haslinger, Menasse) und das Österreichische an der österreichischen Literatur, über das damals gern diskutiert wurde, eigentlich für etwas hielten, was zu überwinden war.

Der Literatur hierzulande schien das zu bekommen: Sie wurde thematisch vielseitiger, unterhaltsamer vielleicht auch, jedenfalls zugänglicher, auch für die Deutschen, auf deren Markt man schließlich wollte, ja musste (wie oft hatte ich zuvor, mit heimischen Romanen an deutsche Taschenbuchverlagstüren anklopfend, zu hören bekommen: Ach nee, wissen Sie, das ist für uns zu österreichisch). Man wollte das deutsche Taschenbuch, den deutschen Buchhandel, das deutsche Feuilleton, die deutschen Literaturpreise, und man bekam sie auch. Man hatte sich hinreichend globalisiert, und man hatte eine Erzähllust in sich entdeckt (Henisch, Ransmayr, Köhlmeier, Kehlmann, Hochgatterer), probierte noch nicht Probiertes (Glavinic, Glattauer, Setz) und fühlte sich fallweise - auch das war nicht immer so gewesen - sehr wohl in seiner Haut. Die meisten jedenfalls. Einige (Schutting, Winkler, Waterhouse, Obermayr, Stangl) waren und sind grüblerischer, suchender, dichter am Wort und auch dichterischer. Sie arbeiten daran, aus ihrer Geschichte die unsere zu lesen. Sie sind die, die die ganze Zeit an einem einzigen Werk schreiben, einem Thema con variazioni.

Sehr gut so. Aber, war das alles? Nein, natürlich nicht. Zum einen, weil alles, was man grad im Blick hat, sowieso nie alles ist, und zum andern und vor allem: weil hier noch kaum ein weiblicher Name gefallen ist, und das geht zum Glück überhaupt nicht. Der Nobelpreis, der Österreich ausgezeichnet hat in dieser Zeit, ging an eine Frau, Elfriede Jelinek, die Godmother der österreichischen Literatur, die so hinreißend unweiblich schreibt, falls einer weiß, was das ansonsten wäre, die Witz hat im Sinne Voltaires und Qualtingers, Geistesgegenwart und Gegenwartsgeist. Sie hat ja nicht nur manchen Kolleginnen gezeigt, wie man den feschen Faschisten den Marsch bläst, sie hat überhaupt den in jeder Hinsicht emanzipatorischen Weg gewiesen, und sie hat mit dem sprudelnden Strudel ihrer sprachspielerischen Texte die düsteren Geschichten grandios aufgewirbelt und durchschaubar gemacht.

Den Blick auf die Situation der Frauen haben, erzählerisch zumeist dichter am Realen, auch andere thematisiert (Frischmuth, Reichart, Gruber, Streeruwitz, Schreiner, Mischkulnig, Flor), und ein Thema bleibt es für die Autorinnen aller Generationen. Auf einmal aber treten junge und sehr junge Autorinnen auf den Plan, für die das doch deutlich ein Thema unter anderen ist. Ihr Schreiben scheint nicht in erster Linie aus einem Problembewusstsein zu kommen. Epische Großromane schweben ihnen so wenig vor wie historische Erkundungen oder eben kämpferisches Gender-Polarisieren. Was sie mitbringen, ist offenbar eine Jugend, in der sie Aufmerksamkeit gelernt haben (lernen mussten), sie sind auffallend offen und urteilsfrei. Vor allem aber erfüllt sie eine unbeugsame Liebe zur Sprache und deren Möglichkeiten, die sie rasch als ihre eigenen erkannt haben.

Der Text ist der Souverän

Das mehr oder minder realistische Erzählen verlässt sich ja darauf, dass wir, zumindest in groben Zügen, alle von einer historischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen Umgebung ausgehen, die für alle mehr oder weniger verbindlich ist. Wenn da die Marquise um fünf ihre Kutsche besteigt oder ein Mann aus dem Haus tritt, dann ist die Marquise eine Marquise und der Mann ist ein Mann, und das wird im Verlauf der Erzählung, in der wir beiden mit Sicherheit wiederbegegnen, auch so bleiben.

Aber es gibt daneben eben noch ein (immer wieder vergessenes) anderes Erzählen, eines, das sich über solche Verbindlichkeiten hinwegsetzt, ohne deswegen die Welt zu verlassen, die wir alle teilen. So machten es die Helden der Wiener Gruppe und die, die ihr folgten. Auch wenn ihr Interesse am Spiel mit der Tradition oft im Vordergrund stand - das realistische Erzählen war ganz und gar nicht das ihre. Und so machen es, entgegen allen Malströmen der derzeitigen Weltliteratur (die deswegen noch lange keine Weltliteratur ist), mehr als ein halbes Jahrhundert später junge Frauen heute in Österreich, jede auf ihre Art. Mit wenigen Sätzen und auf wenigen Seiten machen sie (sich) ein Bild, Polaroids einer offenbar eben erst entdeckten Welt, und man kann es nur mit glücklichem Staunen zur Kenntnis nehmen.

In den Siebzigern und Achtzigern sind sie geboren und bald sicher auch in den Neunzigern. Sie schreiben eine Literatur, in der es keine Welt vor dem Text gibt. Das erste Wort, der erste Satz, der erste Absatz sind konstitutiv, daraus ergibt sich alles Weitere, aber wie es das tut, das ist immer unvorhersehbar. Der Text (und die, die ihn herstellt) ist der Souverän, nicht die sogenannte Wirklichkeit. Der Text ist eine Parallelaktion zur Welt, und es liegt am Leser, beide zusammenzubringen.

Es sind meist kurze Texte. Sie beginnen gleichsam immer von vorn, aber von vorn, das ist bereits mitten im Leben, das ihnen ein ewig ergiebiges Rätsel ist, ein Schmerz, ein Wunder: "Verlassen Sie sich auf die Unerschöpflichkeit dieses Raunens!", schreibt die poesiegenaue Angelika Rainer, eine dieser wunderbaren Frauen, die sich vor dem Raunen nicht fürchten und von denen jetzt, endlich, einige, zu wenige, genannt werden sollen: Angelika Reitzer, die so herrlich verzweifelt Ordnung in ihre Welt zu bringen versucht, oder Elke Laznia, die so eindringlich über den Schmerz des Abstands zur Welt der anderen zu schreiben weiß und auf ihrer Individualität beharrt: "Ihr könnt mich nicht lesen, nicht einteilen, nicht quer lesen, nicht vorhersehen. Auf dass ich nicht beliebig werde."

Oder Andrea Grill, Andrea Stift, Andrea Winkler, Teresa Präauer, Cordula Simon und Lisa Spalt, Anna Weidenholzer und andere, vieles davon findet sich in Alfred Kolleritschs treffsicheren manuskripten. Individualitäten sind sie alle, so auch die derzeit die Jüngste, Valerie Fritsch, die sich an der Welt gar nicht sattschreiben kann: "Jede Geschichte beginnt" , behauptet sie, "mit der Vorstellung des Himmels und jede gute mit dem Augenblick, in dem das Leben zum ersten Mal die Phantasie schlägt." Die sich im Weiteren aber verlässlich durchzusetzen weiß. Bei dieser Autorin wie bei ihren Kolleginnen. Man sollte sie lesen. (Jochen Jung, DER STANDARD, Album, 16./17.3.2013)

  • Den Blick auf die Situation der Frauen haben, erzählerisch zumeist dichter am Realen, auch andere thematisiert, und ein Thema bleibt es für die Autorinnen aller Generationen.
    foto: ap/ alex domanski

    Den Blick auf die Situation der Frauen haben, erzählerisch zumeist dichter am Realen, auch andere thematisiert, und ein Thema bleibt es für die Autorinnen aller Generationen.

  • Jochen Jung, geb. 1942 in Frankfurt am Main, ist österreichischer Verleger und Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte, leitete den Residenz-Verlag und gründete 2000 seinen eigenen Jung-und-Jung-Verlag. Jochen Jung ist neben seiner verlegerischen Tätigkeit Verfasser zahlreicher Werke und Herausgeber zahlreicher Anthologien.
    foto: apa

    Jochen Jung, geb. 1942 in Frankfurt am Main, ist österreichischer Verleger und Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte, leitete den Residenz-Verlag und gründete 2000 seinen eigenen Jung-und-Jung-Verlag. Jochen Jung ist neben seiner verlegerischen Tätigkeit Verfasser zahlreicher Werke und Herausgeber zahlreicher Anthologien.

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