Julien Gracq: Wie aus Krieg Erfindung wird

15. März 2013, 17:31
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Verwandlung in Literatur: Julien Gracqs Kriegsaufzeichnungen sind eine spannende Entdeckung aus dem Nachlass

Beginnen muss man mit Mathematik. Mit dem Format 22,5 x 17,5 cm eines normalen Schulhefts mit karierten Seiten. Zwei solcher Hefte, voll beschrieben, fanden sich im Nachlass des französischen Autors Julien Gracq, der eigentlich Louis Poirier hieß, ab 1935 Gymnasiallehrer für Geschichte und Geografie in Nantes, in Quimper in der Bretagne, dann in Angers und ab 1947 in Paris war. 97-jährig starb er kurz vor Weihnachten 2007 in seinem Geburtsort Saint-Florent-le-Vieil an der Loire. Da war achtzehn Jahre zuvor bereits der erste Band seiner gesammelten Schriften in Frankreichs angesehenster Edition erschienen, in der Bibliothèque de la Pléïade; der zweite folgte im Oktober 1995.

Schon zu Lebzeiten war er, der anspruchsvoll zwischen nicht ganz eingängiger erzählender Prosa und analytischer Prosa, vorzüglich dem Essay, wechselte, so zum Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden.

Filigrane Handschrift

Im Nachlass Gracqs, der bis zuletzt jeden Tag schrieb, fanden sich diese zwei Hefte mit handschriftlichen Aufzeichnungen, die bis dato unpubliziert waren. 2011 erschienen sie in Paris, und nun hat Dieter Hornig, seit längerem ausgewiesener Gracq-Übersetzer, sie anschmiegsam ins Deutsche übertragen. Die 100 Seiten "Erinnerungen an den Krieg" werden ergänzt um eine Erzählung, die auf diesen Tagebucheintragungen aus dem Zweiten Weltkrieg basiert. Es ist Mai 1940, Ort ist Flandern, und Gracq Leutnant eines Infanterieregiments, das den Einmarsch der Deutschen verhindern soll. Doch die Soldaten irren mehr, als sie zielgerichtet geleitet werden von Ort zu Ort. Als die deutsche Wehrmacht eingefallen ist, landet Gracqs Kompanie zwei Wochen später schließlich in der Nähe von Dünkirchen.

Am 2. Juni endet die tragikomische Odyssee mit der Gefangenschaft; bis Februar 1941 wurde Gracq in Deutschland interniert, dann, mittlerweile schwer erkrankt, entlassen, nach Frankreich zurückgebracht und dort demobilisiert.

Das Journal setzt ein mit knappen, schmucklosen, sehr schlanken Sätzen; und wird dann immer konkreter. Wer bei der Lektüre des filigranen Textes, geschrieben in einer filigranen Handschrift - schönerweise hat der Droschl-Verlag Faksimiles als Vor- und Nachsatz des Buches verwendet -, an Claude Simons Traumkrieguntergangsfantasie Die Straße in Flandern (1960) denkt und an Simons letztlich fatal endenden Rittmeister de Reixach, liegt einerseits so falsch nicht. Andererseits ist bei Gracq das Burleske und die sich bewahrheitende Skepsis über unfähige Vorgesetzte stärker als die Wirbel des Visuellen.

Das wahrlich Spannende dieses Literaturfundes erfährt dann durch den Konterpart der schlicht "Erzählung" genannten Erzählung eine zusätzliche Steigerung. Denn in der Übertragung des Lebens in die Fiktion lässt sich so wie kaum jemals an andrer Stelle bei Gracq dessen schriftstellerische Arbeitsprinzipien studieren. Es ist, als sähe man ihm über die Schulter: wie er am Schreibtisch sitzt, Sätze aus dem Tagebuch aufgreift, sie melodisch umformt, aufregende Bilder findet, einen dramaturgischen Bogen komponiert, um am Ende jäh zu enden. (Alexander Kluy, DER STANDARD, Album, 16./17.3.2013)

Julien Gracq: "Aufzeichnungen aus dem Krieg". Aus dem Französischen von Dieter Hornig. € 22,00 / 192 Seiten. Droschl, Graz 2013

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