Zwei Jahre Bürgerkrieg in Syrien und kein Ende in Sicht

Hintergrund15. März 2013, 01:38
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Im März 2011 eskalierten Proteste gegen das Assad-Regime zum ersten Mal - Seither wird an vielen Fronten gekämpft

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Am Anfang standen regime-kritische Graffitis an den Wänden einer Schule. 15 Kinder wurden deshalb in Daraa, einer Stadt im Süden Syriens, im März 2011 verhaftet, während ihrer Gefangenschaft geschlagen und gefoltert. Der Unmut unter der vorwiegend sunnitischen Bevölkerung über dieses rigorose Vorgehen, auf den Demonstrationen und Proteste folgten, entfachte einen Bürgerkrieg, der nun schon seit zwei Jahren die Welt in Atem hält. Ausgehend von Daraa verbreiteten sich die anfangs friedlichen Proteste auf weitere syrische Städte. Die Sicherheitskräfte des Regimes griffen hart durch, die Situation begann sich aufzuschaukeln. Je rigoroser das Regime auf die Demos antwortete, desto mehr Leute schlossen sich dem Aufstand an.

Die Intentionen damals waren andere als heute. Die kleine Gruppe von Demonstranten richtete ihren Protest nicht direkt gegen Assad. Doch als Assad in einer Rede am 30. März die Demonstranten für den Aufruhr verantwortlich machte und sie der Volksverhetzung beschuldigte, drehte sich die Einstellung vieler gegenüber dem Regime. Fortan gab es wöchentliche Proteste gegen die Regierung, die gewaltsam von den Sicherheitskräften niedergeschlagen wurde. Die Gewaltspirale drehte sich daraufhin zwei Jahre lang konstant weiter. Im Februar 2013 kamen im Zuge des Bürgerkrieges fast 70.000 Menschen ums Leben.

Verkompliziert wird der Konflikt durch die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Elite und Führung Syriens besteht hauptsächlich aus Alawiten, die mit 12 Prozent Anteil am Anteil der muslimischen Gesamtbevölkerung eigentlich eine Minderheit stellen. Ihnen gegenüber stehen 75 Prozent sunnitische Muslime, die maßgeblich am Aufstand beteiligt sind.


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"Die Iraner unterstützen das Regime wirklich massiv" - die Aussagen eines westlichen Diplomaten diese Woche bestätigen, was ohnehin schon lange geahnt wurde. Noch hält der Iran dem Assad-Regime die Stange. Über den Libanon und den Irak würden Waffen zu den Truppen der syrischen Armee gelangen, so der Beamte. Iranische Waffen finden auch zu der schiitischen Extremistengruppe Hizbollah, die in Syrien die Truppen von Präsident Bashar al-Assad zunehmend unterstütze, ihren Weg.

Assads Truppen haben die Unterstützung bitter nötig. Laut Experten ist die syrische Armee nach zwei Jahren Bürgerkrieg auf die Hälfte ihrer Stärke geschrumpft. Neben den Verlusten im Kampf gegen die Aufständischen seien viele syrische Armee-Angehörige desertiert oder zu den Rebellen übergelaufen, erklärte das International Institute for Strategic Studies. Im Grunde könne die Regierung in Damaskus sich nur der Loyalität von etwa 50.000 Soldaten sicher sein, bei denen es sich um Elite-Einheiten oder Alawiten handle. Zu der religiösen Minderheit gehört auch Präsident Assad.

Unterstützung von Minderheiten

Anfänglich dürfte die Unterstützung im Land für Präsident Assad gar nicht so gering gewesen sein. Doch je länger und brutaler die Kämpfe ausgetragen wurden, desto mehr Syrer wandten sich auch gegen ihren Präsidenten. Eine politische Lösung mit Assad an der Spitze scheint nach zwei Jahren unmöglich - auch ohne den ausgebildeten Augenarzt dürfte es schwierig genug werden.

Unterstützer hat das Regime vor allem noch unter den zahlreichen Minderheiten Syriens: Viele Christen, Schiiten und vor allem Alawiten fürchten einen Sturz des Regimes.


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Wer gegen das Assad-Regime aus welchen Gründen kämpft, ist nicht leicht zu entwirren. Es gibt sehr viele Oppositionsgruppen, viele davon sind bewaffnet. Zu Beginn des Bürgerkriegs formierte sich 2011 der "Syrische Nationalrat", allerdings sorgten interne Ausrichtungskonflikte dafür, dass diese Opposition von westlichen und arabischen Regierungen nicht anerkannt wurde. In Syrien selbst scheinen viele der Exil-Politiker Einfluss zu nehmen.

Im November 2012 folgte in Doha ein weiterer Versuch, eine übergreifende Institution der syrischen Opposition zu gründen. Dieses Mal mit mehr Erfolg. Die "Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte", ein Bündnis, dem fast alle syrische Oppositionsgruppen beigetreten sind, wurde mittlerweile von den meisten westlichen und arabischen Staaten als offizielle Vertretung anerkannt.

Jihadisten

Auch die Freie Syrische Armee (FSA), die die bewaffneten Kämpfe der Opposition austrägt, unterstützt die Nationale Koalition.

Dieses offizielle Oppositionsbündnis agiert in Abgrenzung zu jihadistischen Rebellengruppen: Gruppen wie die syrische Al-Nusra-Front (Jabhat al-Nusra) bekämpfen ebenso das Regime, treten aber für die Einrichtung eines Islamischen Kalifats und der Einführung der Scharia ein. Die radikal-islamischen Kämpfer sind besser bewaffnet, disziplinierter und erfolgreicher als andere Oppositionstruppen. Die USA sehen in den Jihadisten der Jabhat al-Nusra eine Abspaltung der "Al-Kaida im Irak" und haben sie als Terrororganisation eingestuft.


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Eine Million Syrer - so viele Menschen sind seit Ausbruch der Kämpfe aus ihrem Heimatland geflohen. Allein seit Anfang des Jahres haben laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mehr als 400.000 Syrer ihr Land verlassen.

Für die Aufnahmeländer sind die Folgen des Flüchtlingsstroms schwerwiegend: Im Libanon ist die Bevölkerung durch die Vertriebenen um zehn Prozent gewachsen. Die Türkei habe bisher 600 Millionen Dollar (460,33 Mio. Euro) zur Einrichtung von 17 Flüchtlingslagern aufgebracht, erklärte UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres vergangene Woche. Auch in Jordanien spitzt sich die Lage zu.

Zugleich fehlen der UNHCR die Mittel. Für einen Plan zur Versorgung von 1,1 Millionen syrischen Flüchtlingen bis Juni 2013 seien bisher von der internationalen Gemeinschaft erst 25 Prozent der nötigen Gelder zugesagt worden.

Mehr als die Hälfte Kinder

Etwa die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder, die meisten sind jünger als elf Jahre. "Eine Million auf der Flucht, mehrere Millionen Vertriebene im Inland und jeden Tag Tausende, die über die Grenzen gehen - Syrien bewegt sich auf ein völliges Desaster zu", sagte Guterres.

Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF warnt unterdessen, dass mit jedem Tag des Bürgerkriegs das Risiko einer "verlorenen Generation" steige. Der Hilfsorganisation zufolge sind in Syrien mehr als zwei Millionen Kinder von dem Konflikt betroffen und benötigten dringend Hilfe. Jede fünfte Schule sei zerstört worden. (Teresa Eder, Stefan Binder, derStandard.at, 15.3.2013)

 

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