"Nikolaus Harnoncourt putzt die Ohren aller Leute"

Interview14. März 2013, 18:37
23 Postings

Am 17.3. hat "Fidelio" Premiere. Sopranistin Juliane Banse und Tenor Michael Schade über die Arbeit mit dem Dirigenten

STANDARD: In Beethovens "Fidelio" geht es um einen Menschen, der sich vollkommen für einen anderen aufopfert. Gibt es so existenzielle Situationen auch im echten Leben?

Juliane Banse: Mit Sicherheit. Vielleicht weniger in unserem saturierten Mitteleuropa, aber es gibt immer wieder Leute, die sich aufopfern, mit riesigen Risiken, die unabsehbar sind - wenn auch vielleicht nicht aus ehelichen Gründen.

Michael Schade: Ich denke schon, dass es auch in der westlichen Welt solche Situationen gibt. Ich denke an Eltern, die alles aufgeben, um Kinder aus dem Drogenexzess herauszuholen, oder an Familien, die ans existenzielle Limit gehen, um jemandem die beste medizinische Behandlung zu ermöglichen. Wenn es so etwas nicht gäbe, hätten wir auch keinen Drang, Geschichten wie Fidelio zu erzählen.

STANDARD: Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt aus?

Schade: 15 Minuten mit Harnoncourt sind für mich wie ein Urlaub, die Zusammenarbeit mit ihm hat mich auf ewig geprägt. Man muss sich vorstellen, dass er noch nie in seinem Leben etwas dirigiert hat, ohne die Urpartitur studiert zu haben. Es ist auch ein Unikum, was Österreich am Concentus Musicus hat.

Banse: Die Funktion, die Harnoncourt schon seit Jahrzehnten hat, ist, die Ohren aller Leute zu putzen und scheinbar Bekanntes infrage zu stellen. Im Grunde müsste jeder das immer tun. Aber wer zieht das schon durch? Es ist immer wieder beschämend, wie viel Energie dieser Mann hat und wie er nicht nachgibt, bis er sein Ziel erreicht hat. Aber nicht, um selbst gut dazustehen, sondern weil er sich verpflichtet fühlt, der Sache so gerecht zu werden wie möglich. Das ist ein einzigartiges Beispiel.

STANDARD: Was hat das für Sie für Konsequenzen bei den Proben?

Schade: Allein schon das Hinpilgern in sein Haus nach Oberösterreich, dieses Mal anderthalb Jahre vor der Produktion - das ist heute schon altmodisch. Sonst legt man sich seine Partie mit einem Korrepetitor zurecht. Und dann geht es schon, oder eben nicht.

Banse: Wir sind alle auch ein bisschen faul. Wenn man so viele Zauberflöten gesungen hat wie Michael oder ich, hat man irgendwann das Gefühl, jetzt zu wissen, wie es geht. Das würde Harnoncourt nicht gutheißen. Die langfristige Vorbereitung, die wir jetzt wieder hatten, war jedenfalls sehr sinnvoll, weil Fidelio mit so vielen Traditionen beladen ist, die er alle loswerden wollte. Man sieht es an der Besetzung: Wir sind keine Sänger, die an einem normalen Opernhaus ständig Fidelio singen. Für mich war die Partie der Leonore überhaupt nur unter diesen Voraussetzungen vorstellbar.

STANDARD: Normalerweise wird "Fidelio", salopp gesagt, gebrüllt.

Banse: Und genau das wollen wir hier, dieses eine Mal, nicht.

Schade: Der springende Punkt ist es, über die Klangkultur des Orchesters und die Wortdeutlichkeit zu arbeiten. Es ist nicht so, dass wir weniger singen als an der Staatsoper oder an der Met. Es ist nur eine Art, jede Note besonders zu nehmen. Die Rolle ist natürlich genauso zu singen, die Höhen und Tiefen sind wie immer, aber wir Sänger können uns hin und wieder zurückschrauben.

Banse: Ich bin gespannt auf die Reaktionen, weil es sehr anders sein wird als gewohnt. Man wird vieles am Orchesterklang wahrnehmen, das man sonst nicht so hört. Dadurch, dass wir keine Wagner-Stimmen haben, wird man phrasierungsmäßig ganz anders hören. Und in den Ensembles wird nicht einfach der Stärkste siegen.

Schade: Ich finde es nicht so anders, dass man sagen würde: Das kann man an der Staatsoper so nicht machen. Es ist nur alles viel interessanter und intensiver, von einer großen Wichtigkeit vom Klang her. Als würde mir jemand sagen: So ist es, so muss es sein. Es zwingt zum genauen Zuhören.

STANDARD: Wie viel von diesen Erfahrungen als Liedsänger können Sie hier einbringen?

Banse: Wir haben beide die Strategie, dass wir unser Repertoire immer wieder mischen. Das zwingt zur Selbstkontrolle. Wenn man bei Liedern die Stimme mit größtmöglicher Transparenz führt, ist das die beste Medizin. Das kann auch der Oper nur guttun.

Schade: Ein Sänger ist für mich nur jemand, der Oper, Lied und Oratorium beherrscht. Meine zweite große Herausforderung ist derzeit die Vorbereitung eines Beethoven-Liederabends im Musikverein (10. und 12. 4. ). Und beim Florestan denke ich oft an Schubert. Beethoven schreibt häufig einfach wunderbarste lyrische Musik und ist dabei Schubert sehr nahe. (Daniel Ender, DER STANDARD, 15.3.2013)

Juliane Banse (1969 in Tettnang geboren) studierte u. a. bei Brigitte Fassbaender und ist eine der international gefragten Sopranistinnen.

Michael Schade (1965 in Genf geboren) hat deutsch-kanadische Wurzeln. Er begründete seine Tenor-Weltkarriere mit Mozart-Partien.

  • Nachdenken über das Ungewohnte am neuen Wiener "Fidelio": Michael Schade (Florestan) und Juliane Banse (Leonore).
    foto: theater an der wien/moritz schell

    Nachdenken über das Ungewohnte am neuen Wiener "Fidelio": Michael Schade (Florestan) und Juliane Banse (Leonore).

Share if you care.