Schönborn: "Bin glücklich über die Wahl und froh, weiter Kardinal zu sein"

Interview14. März 2013, 18:32
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"Positive" Überraschungen auf dem Stuhl Petri, ein "bisschen" Schadenfreude, künftig lateinamerikanische Akzente in der katholischen Kirche und "bald" neue Bischöfe für Österreich

STANDARD: Kennen Sie den neuen Papst Franziskus?

Schönborn: Ja, ich kenne ihn seit vielen Jahren. Ich hab ihn zum ersten Mal in Buenos Aires in den 1990er-Jahren kennengelernt, da war er noch Weihbischof. Und ich hatte vom ersten Moment an einen sehr positiven Eindruck - und der hat sich über die Jahre auch voll bestätigt.

STANDARD: Waren Sie überrascht von der Wahl? Haben auch Sie für Jorge Mario Bergoglio votiert?

Schönborn: Das sind Fragen, auf die ich nicht antworte. Ich kann nur sagen, dass ich positiv überrascht bin. Und durchaus fast ein bisschen Schadenfreude verspüre: dass nämlich die Auguren, die vor dem Konklave immer alle möglichen Namen nennen, diesmal trocken erwischt worden sind. Es ist einfach schön zu sehen, dass das alte Sprichwort sich wieder bestätigt: "Wer als Papst in das Konklave geht, kommt als Kardinal heraus." Niemand - vor allem die Medien - hat mit einer solchen Entscheidung gerechnet. Es gibt eben wirkliche Überraschungen in der Kirche.

STANDARD: Es war eines der kürzesten Konklave der Geschichte. Woher rührt die neue Einigkeit?

Schönborn: Die rasche Entscheidung ist ein Zeichen - mehr kann ich nicht sagen. Die Geschwindigkeit des Ablaufs des Konklaves zeigt, dass es eine große Einmütigkeit gegeben haben muss.

STANDARD: Sind Sie erleichtert, nicht Papst geworden zu sein?

Schönborn: Ich bin sehr glücklich über diese Wahl - und froh, weiter Kardinal zu sein. Die Wahl ist ein sehr starkes Zeichen: ein Lateinamerikaner, und dann der erste Papst, der den Namen Franziskus gewählt hat.

STANDARD: Die Erwartungen in den neuen Papst sind hoch. Was wird sich ändern? Oder wird es so weiter laufen wie bisher?

Schönborn: Diese Fragen müssen sie Papst Franziskus stellen. Er wird Ihnen aber wahrscheinlich kein Interview geben. Aber er hat schon in den ersten Momenten seines Pontifikates sehr starke Zeichen gesetzt. Und der Name ist auf jeden Fall auch Programm.

STANDARD: Bekommen nun die Anliegen der Befreiungstheologie mehr Gewicht durch einen Papst aus Lateinamerika?

Schönborn: Die Themen, die Lateinamerika bewegen, bekommen natürlich durch diesen Papst Akzent. Die Armut, die soziale Gerechtigkeit, die Umweltfrage, die Demokratisierung der Regierungsformen. Und die Sekten und Freikirchen sind eine ungeheure Herausforderung für die gesamte Gesellschaft in Lateinamerika. Da wird der Papst sicher überraschende Akzente setzen.

STANDARD: Wissen Sie schon, wann die Bischofsernennungen in Österreich anstehen?

Schönborn: Die Entscheidung liegt beim Papst. Aber der Ernennungsprozess ist bereits sehr weit fortgeschritten, es wird bald zu einer Entscheidung kommen. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD; 15.3.2013)

Christoph Schönborn (68) trat 1963 dem Dominikanerorden Warburg (Westfalen) bei, studierte Theologie, Philosophie und Psychologie. 1970 zum Priester geweiht, ist er seit 1995 Erzbischof von Wien und seit 1998 Kardinal.

  • Der Kelch ist am Wiener Erzbischof vorübergegangen: Kardinal Christoph Schönborn tritt nach dem Konklave sichtlich gelöst die Heimreise nach Wien an.
    foto: epa/massimo percossi

    Der Kelch ist am Wiener Erzbischof vorübergegangen: Kardinal Christoph Schönborn tritt nach dem Konklave sichtlich gelöst die Heimreise nach Wien an.

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