Kirche zwischen den Fronten des Kalten Krieges

14. März 2013, 18:26
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Die Befreiungstheologie stellte sich in Lateinamerika auf die Seite der Opfer der Diktaturen. In Argentinien unterstützte die Amtskirche allerdings die Militärdiktatur, weshalb Kritiker noch heute Jorge Mario Bergoglio Opportunismus vorwerfen

Man schrieb das Jahr 1968, in Lateinamerika erhoben sich linke Befreiungsbewegungen gegen Ungerechtigkeit und Diktatur. Im kolumbianischen Medellín tagten derweil die Bischöfe. Auch in der Kirche herrschte Aufbruchsstimmung, es waren leidenschaftliche Debatten bis spät in die Nacht, erinnert sich Olga Lucia Álvarez , die als Laienvertreterin daran teilnahm. Am Ende stand eine Erklärung, in der sich die Bischöfe klar auf die Seite der Unterdrückten stellten. Die " Option für die Armen" war Lateinamerikas Beitrag zur Kirchengeschichte - und eine kleine Revolution, der 1971 der peruanische Theologe Gustavo Gutiérrez einen Namen gab: Theologie der Befreiung.

Doch im Inneren der Kirche bildete sich bald eine konservative Gegenbewegung, gefördert vom US-Geheimdienst CIA. So geriet auch die Theologie zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Die USA unterstützten rechte Militärdiktatoren, die Sowjetunion linke Befreiungsbewegungen. Zunächst schien die Geschichte auf der Seite der Revolutionäre zu stehen: In Chile siegte Salvador Allende, in Guatemala wurde Jacobo Arbenz Präsident. Doch dann wendete sich das Blatt: Mit CIA-Hilfe wurde Allende 1973 von Augusto Pinochet gestürzt. Und in der Kirche übernahm 1978 ein Antikommunist die Zügel: Johannes Paul II.

Militärputsch 1976

In Argentinien putschte sich 1976 eine Militärjunta an die Macht. Jorge Mario Bergoglio war zu diesem Zeitpunkt noch keine 40 und seit drei Jahren Vorsteher des Jesuitenordens. Die Kirchenhierarchie stellte sich hinter das Regime, und es begann, was Bergoglio später seinem Biografen gegenüber "Paranoia und Hexenjagd" nannte: 30.000 Tote und Verschwundene, darunter zwei Bischöfe und viele Priester und Ordensleute.

Während in Chile und Brasilien mutige Bischöfe Regimegegner beschützten, erklärte der argentinische Klerus, man könne von den Sicherheitskräften unter den gegebenen Umständen keine "chemische Reinheit" verlangen. " Argentiniens Kirche war gespalten, und die meisten Bischöfe machten die Befreiungstheologen für die Polarisierung verantwortlich", schrieb der Historiker Martín Obregón. "Die Militärs wussten sich der Religion zu bedienen."

Welche Rolle der heutige Papst während der Militärdiktatur spielte, ist umstritten. Das große Schweigen heißt ein Buch des linken Enthüllungsjournalisten Horacio Verbitsky. Er wirft Bergoglio vor, zwei in Armenvierteln engagierte Priester aus dem Jesuitenorden verstoßen und damit der Militärdiktatur preisgegeben zu haben. Sie wurden gefoltert, kamen später aber wieder frei. Einer der beiden, Franz Jalics, lebt inzwischen in Oberfranken. Die Dokumente, die Bergoglios Mitschuld von damals bewiesen, habe er verbrannt, erklärte er, und erst dann habe er seinen Groll vergessen und ihm vergeben können.

Bergoglio, der deshalb als Zeuge in einem Diktaturprozess vorgeladen wurde, bestritt die Vorwürfe stets.

Die Amtskirche brauchte lange, um das finstere Kapitel zu verdauen. Erst 2000, Bergoglio war schon Kardinal, bat sie um Verzeihung, erklärte jedoch, die Wunden der Vergangenheit müssten sich schließen, um in die Zukunft zu blicken. Das sorgte ab 2003 für Verstimmung mit dem linksperonistischen Präsidentenpaar Néstor und Cristina Kirchner, das die Aufarbeitung der Diktaturverbrechen vorantrieb. Ohne Wahrheit und Gerechtigkeit gebe es keine Zukunft, hatte Néstor erklärt. (Sandra Weiß, DER STANDARD, 15.3.2013)

  • Der Klerus, auf Tuchfühlung mit Diktatoren: Brasiliens Getulio Vargas ...
    foto: picturedesk

    Der Klerus, auf Tuchfühlung mit Diktatoren: Brasiliens Getulio Vargas ...

  • ... Argentiniens Jorge Videla ...
    foto: picturedesk

    ... Argentiniens Jorge Videla ...

  • ... und Chiles Augusto Pinochet.
    foto: corbis

    ... und Chiles Augusto Pinochet.

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