Mit dem Vorortebus ins Zentrum der Christenheit

14. März 2013, 18:35
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Was hat es auf sich mit der zögerlichen Preisgabe der päpstlichen Identität, was mit Jorge Bergoglios Schweigsamkeit? Überlegungen zum theatralischen Gehalt der Papstwahl aus Anlass der Kür von Franziskus

Die Portieren hinter dem verschlossenen Fenster des Petersdoms sind weinrot. Mit dem Öffnen der schweren Vorhänge kündigt sich die leibhaftige Erscheinung des Helden an. Der neue Papst ("Papa") betritt traditionsgemäß in strahlend weißer Soutane die Loggia. Es hat zuvor, wie seit Hunderten von Jahren eingeübt, nicht an Zeichen gefehlt.

Das weiße Rauchfähnchen war verabredungsgemäß in den römischen Himmel gestiegen. Die pergamentgelben Vorhänge innen rühren sich. Man meint, die aufgeregte Geschäftigkeit der Diakone spüren zu können. Jedes neue Oberhaupt der katholischen Christenheit vereint in sich das Allgemeine mit dem Besonderen. Als Stellvertreter Christi auf Erden ist der Heilige Vater ein Platzhalter. Zum anderen manifestiert sich Gottes Wille in der konkreten menschlichen Person: Immerhin lenkt der Heilige Geist das Zusammenwirken der Kardinäle im Konklave.

Die besondere Anteilnahme gilt daher der Enthüllung einer konkreten Identität: desjenigen Menschen, der im Fall von Franziskus privat Dostojewski liest und, bis vor wenigen Tagen und Wochen als Kardinal im klappernden Bus zur erzbischöflichen Dienststelle in Buenos Aires fuhr.

Das "Enthüllungstheater" der römischen Papstwahl zehrt somit vom Überraschungseffekt. Wer ist es geworden? Welches Wettsyndikat hat den Sieger im Voraus gewusst? Die Fernsehsender in den katholischen Ländern versammeln sicherheitshalber Expertenrunden in ihren Studios. Die Stimmung ist vorfreudig erregt. Sie lässt sich mit der Euphorie jener Väter vergleichen, die vor dem Kreißsaal hin- und herlaufen, in dem die Gemahlin gerade presst und schreit.

Nur das Tragödientheater der Antike ist älter als das katholische. In ihm verhandelte man die tragischen Geschicke von Figuren, die dem Mythos entstammten und dem Publikum von vornherein bekannt waren. Der erste Auftritt des tragischen Helden wurde geschickt verzögert: Chöre kommentierten die Handlung und beteten ein bisschen. Priester äußerten Bitten an die Götter. Boten berichteten von neuen, zumeist ungünstigen Wendungen des Geschehens oder vertieften sich in die Mauerschau. Diese gilt als präzise Wiedergabe von Beobachtungen, die auf der Bühne unsichtbar bleiben. Sie hebt sich recht vorteilhaft ab vom Kaffeesudlesen. Die Wendung, die die Papstwahl nimmt, ist hingegen immer die gleiche. Nur steht eben die Identität des Helden bis zuletzt infrage. Von der Besetzung der "Hauptrolle" hängt es schließlich ab, ob sich Wünsche nach einer reuelosen Verwendung von Kondomen oder nach der Einsetzung von Priesterinnen auch wirklich erfüllen.

Das Schauspiel der Enthüllung eines Papstes lebt somit von Stockungen, von Verzögerungen. Die sinnfälligste vollzieht sich mit dem Erscheinen des Erzdiakons auf der Loggia.

Der amtierende Funktionsträger heißt Jean-Louis Tauran: ein edler Greis im scharlachroten Kardinalshabit. Exzellenz Tauran nun sorgte für den ersten ergreifenden Moment des Abends. Der charaktervolle Kopf drohte ihm zur Seite zu sinken, ehe er zur Artikulation der entscheidenden Formel anhob: "Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam!" Und man wurde sich nicht recht klar darüber, ob Ergriffenheit seine Zunge beeinträchtigte oder die schiere Überwältigung durch Aufgabe und Amt.

Den Eintritt der päpstlichen Würde ins Zeitalter der Moderne konnte man am Verhalten Jorge Bergoglios trefflich studieren. Der neue Heilige Vater aus Argentinien ließ seinen ersten, betont schlichten Worten (" Brüder und Schwestern, guten Abend!") lange Schweigepausen folgen. Nicht immer blieb ersichtlich, ob er den Gläubigen auf dem riesenhaften Platz (und vor den Bildschirmen daheim) Zeit zum Gebet einräumen wollte oder sich selbst die Gelegenheit zur Sammlung. Wenigstens jene dienstfertigen Geister, die ihm die technischen Gerätschaften reichten, strahlten miteinander um die Wette.

Lähmung durch Geist

Franziskus zog es vor, in Stille zu verharren. Der Papst reiht sich damit eindrucksvoll ein in eine Kette von (Theater-)Figuren, die es " verlernt" haben, spontan zu handeln. Seit dem Erscheinen des Dänenprinzen Hamlet gibt es eine Lähmungserscheinung, die man nicht mit Phlegma oder gar Stumpfheit verwechseln sollte. Ihr Manko - so ein solches vorliegt - besteht in einem Übermaß an Reflexivität. Merkwürdige Eingebungen schießen einem solchen "Zauderer" durch den Kopf. Jorge Bergoglio, der sich nach Franz von Assisi benannt hat, mag erahnt haben, dass ihn sein Amt zur segensreichen Tat verpflichtet. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 15.3.2013)

  • Die "Enthüllung" des Papstes als theatralisches Spektakel.
    foto: epa/xhemaj

    Die "Enthüllung" des Papstes als theatralisches Spektakel.

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