"Musikalische Improvisation hat eine politische Bedeutung"

14. März 2013, 18:12
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Der britische Pianist John Tilbury ist einer der bedeutendsten Interpreten zeitgenössischer Musik. Beim Osterfestival Tirol interpretiert er Werke seines Landsmanns Cornelius Cardew

Daniel Ender sprach mit ihm über doppelgesichtige Revolutionen.

STANDARD: Im 20. Jahrhundert gab es auch in der Musikgeschichte eine Reihe von Revolutionen. Welche waren für Sie die wichtigsten, und inwieweit wirken sie noch fort?

Tilbury: Revolutionen, gleich ob in der Politik oder in der Kunst, können in Diktaturen münden. So war es auch bei Arnold Schönberg und seiner Zwölftonmusik der Fall. Schönberg verwendete militärische Begriffe, sagte, er wolle seine Feinde attackieren oder sie hart treffen. Menschen sehen Revolutionen gern als Erweiterung der Freiheit an. Komponisten wie Boulez oder Stockhausen wollten allerdings diese Freiheit beschränken und wurden selbst zu neuen Hohepriestern.

STANDARD: Daneben gab es allerdings schon noch andere Entwürfe.

Tilbury: Ja, aber wer keine serielle Musik schrieb, der war für diese Gruppe gar kein Komponist, etwa Britten oder Schostakowitsch. Auf Revolutionen folgen immer Gegen revolutionen. So entwickelte sich nach dem Serialismus der Minimalismus, und John Cage erschien am Horizont.

STANDARD: Er hat ja in die neue Musik wirklich Freiheit gebracht.

Tilbury: Jein. Auch sein Begriff von Freiheit war beschränkt. Sie konnte nur durch bestimmte Bedingungen erreicht werden, wobei seine Partituren die Parameter festlegten. Um Freiheit zu erlangen, musste man der Partitur folgen. Die Partitur war "das Wort". Das ist meiner Meinung nach überhaupt das Grundproblem der westlichen Kultur: Es ist immer etwas vorgeschrieben.

STANDARD: Wie ging man in Ihrer Heimat Großbritannien damit um?

Tilbury: In Großbritannien, dem reaktionärsten Land Europas, hatten wir eine Rettung: das Phänomen Cornelius Cardew, der für viele Musiker und Komponisten sehr wichtig war und der versuchte, die gesamte Kunst "über Bord zu werfen" – ähnlich wie Samuel Beckett in seinen letzten Werken. Was dabei herauskam, war eine spezifische Form der Improvisation, die in Großbritannien immer auch eine große politische Bedeutung hatte – und hat.

STANDARD: Was sind die künstlerischen Chancen und Risiken der freien Improvisation, wie Sie sie mit Cardews "Scratch Orchestra" realisierten?

Tilbury: Improvisation beinhaltet immer ein Risiko, beinhaltet immer auch Zufall, der per definitionem nicht kontrollierbar und deshalb für uns Sterbliche so wichtig ist. Zufall, der jede Absichtlichkeit umstößt, heißt: alles riskieren, alle Vorschriften in den Wind schlagen, nach den Göttern zu streben, das Gute und Schlechte gleichermaßen zuzulassen.

STANDARD: Die Musik Morton Feldmans ist immer im Zentrum Ihres Repertoires gestanden. Was macht für Sie seine Besonderheit aus?

Tilbury: Feldmans Einzigartigkeit liegt unter anderem darin, dass sich seine Persönlichkeit im Gegensatz zu anderen Komponisten überhaupt nicht in seiner Musik widerspiegelte. Er war eine Art Jekyll and Hyde ohne offensichtliche Verbindung zwischen ihm und seiner Kunst. Als Person war er verletzlich, doch grob und unsensibel gegenüber anderen – seine Musik ist das pure Gegenteil.

STANDARD: Wie sehen Sie grundsätzlich Ihre Rolle als Interpret komponierter Musik?

Tilbury: Ich empfinde eine tiefe Verpflichtung, nicht die Zeit anderer Leute zu verschwenden. Ich fühle mich verantwortlich gegenüber den Menschen, die Eintritt bezahlt und vielleicht noch eine weite Fahrt auf sich genommen haben, nur um mich Klavier spielen zu hören. Je besser ich spiele, desto ruhiger ist mein Gewissen, dass ich dafür bezahlt werde.

STANDARD: Sie haben ein Problem damit, wenn Kunst mit Geld bezahlt wird?

Tilbury: Absolut. Mein – natürlich unerreichbares – Ziel wäre es, Musik zu machen, die zu gut ist, um sie zu verkaufen, da die Verbindung zum Geld vollkommen des truktiv ist. Im Volksmund wird das Geld ja als "Wurzel allen Übels" erkannt, und alle großen Philosophen haben seinen korrupten Einfluss erkannt. In der letzten Zeit habe ich für mich sehr stark die Authentizität "des Wortes" infrage gestellt – das bedeutet die geschriebene Partitur und ihre Tradition. Tradition wird verwendet, um jede Banalität zu entschuldigen – von sinnlosen Alltagsritualen und tonaler Harmonie bis zum Steinigen einer Ehebrecherin. (Daniel Ender, DER STANDARD, 15.3.2013)

Termine: 16. 3.: John Tilbury spielt Feldmans "For John Cage" (mit Darragh Morgan, Violine): Hall in Tirol, Salzlager; 17. 3.: Cardew, "The Big Learning",  Musikgymnasium Innsbruck: Hall, Pfarrkirche

John Tilbury, Jahrgang 1936, ist als Pianist auf zeitgenössische Musik spezialisiert und trat auch als Improvisationsmusiker hervor. Daneben wirkt er als Essayist und in den vergangenen Jahren auch als Schauspieler in Stücken von Samuel Beckett und Harold Pinter.

www.osterfestival.at

  • "Tradition wird verwendet, um jede Banalität zu entschuldigen."  Der britische Pianist John Tilbury.
    foto: osterfestival tirol

    "Tradition wird verwendet, um jede Banalität zu entschuldigen."  Der britische Pianist John Tilbury.

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