Der verfallene Billigflug seiner Heiligkeit

14. März 2013, 18:34
48 Postings

Jorge Mario Bergoglio, der Kardinal aus Buenos Aires, machte gleich an seinem ersten Tag als Papst Franziskus klar, dass er vom Pomp und Reichtum der Kirche nichts hält: Er will durch Gesten der Bescheidenheit überzeugen.

Den Rückflug nach Buenos Aires muss Jorge Mario Bergoglio wohl verfallen lassen. "Dabei hat er mich vor dem Konklave angerufen und versichert, er werde am Sonntag zurückfliegen - ob der Papst gewählt sei oder nicht", erzählt seine piemontesische Cousine Giuseppina Ravedone. "Er sagte mir, dass er für die Karwoche zahlreiche Verpflichtungen habe. Mario bucht immer Low-Cost-Flüge. Er hasst jede Art von Verschwendung."

Auch eine befreundete römische Familie wunderte sich nicht schlecht, als sie am Mittwoch um 22 Uhr einen Anruf des Papstes erhielt. Vergeblich versuchte der Zeremonienmeister des Vatikans, Bergoglio am Donnerstag noch rasch in die Schneiderei zu schleusen, um die Gewänder für seine Antrittsfeier zu ordern.

Nur zwölf Stunden nach seiner Wahl verließ Franziskus den Vatikan wieder: Passanten staunten nicht schlecht, als der Pontifex um acht Uhr früh vor der Basilika Santa Maria Maggiore aus einem gewöhnlichen Pkw stieg. Die offizielle Limousine lehnte er ab, die Polizei-Eskorte musste reduziert werden. Vor der Marienikone "Salus Popoli Romani" legte der Papst einen Blumenstrauß nieder und verweilte in stillem Gebet.

Anschließend besuchte Franziskus die Kapelle, in der der Gründer seines Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, seine erste Messe gefeiert hatte. Nachdem er jeden Priester persönlich begrüßt hatte, verließ der Papst die Basilika still durch die Hintertür.

Im einfachen Pkw unterwegs

Wenig später hielt der Wagen vor der Priesterherberge Casa del Clero, wo der Papst persönlich seine Rechnung beglich und sein Gepäck abholte. Zu seinen wenigen Begleitern gehörte der Präfekt des Päpstlichen Hauses Georg Gänswein, der auch Sekretär des emeritierten Papstes ist. Bergoglio hatte Benedikt XVI. unmittelbar nach seiner Wahl angerufen.

Nach dem Gerücht, der Papst werde Joseph Ratzinger bereits am Donnerstag besuchen, hatten sich zahlreiche Fotografen und Kamerateams in Castel Gandolfo eingefunden - bis Vatikan-Sprecher Federico Lombardi Entwarnung gab: Das Treffen werde auf jeden Fall in den nächsten Tagen stattfinden. Dabei stellte Lombardi auch klar, dass der Papst bloß Franziskus heiße - ohne den Zusatz der römischen Zahl I.

Der unerwarteten Wahl des Fußball-Fans und Tango-Aficionados widmeten Italiens Medien am Donnerstag breiten Raum, etwa La Repubblica ganze 20 Seiten. Minutiös rekonstruierten die Zeitungen das Geschehen in der Sixtinischen Kapelle und die Niederlage der Italiener, die immerhin die meisten Kardinäle gestellt hatten. Der Mailänder Angelo Scola und sein brasilianischer Gegenspieler Odilio Scherer seien von Beginn an chancenlos gewesen: Schon im ersten Wahlgang habe Bergoglio die meisten Stimmen auf sich vereint.

Kurie verhinderte Scola

Für seinen Sieg sollen schließlich "zwei konträre Seilschaften" verantwortlich gewesen sein: zum einen die Nicht-Europäer, zum anderen die römische Kurie, die alles unternommen habe, um den ungeliebten Scola zu verhindern.

Einen peinlichen Regiefehler leistete sich die italienische Bischofskonferenz, die in einer Aussendung um 20.40 Uhr "ihre Genugtuung und Freude" über die Wahl Scolas ausdrückte.

Statt einer Karwoche in Buenos Aires kommt nun eine Flut offizieller Termine auf den Papst zu. Am Freitag empfängt er das Kardinalskollegium - auch jene, die altersbedingt nicht am Konklave teilgenommen haben. Am Samstag trifft er die über 5000 akkreditierten Journalisten, am Sonntag betet er am Petersplatz erstmals das Angelusgebet. Die feierliche Amtseinführung findet am Dienstag statt. Am Mittwoch gibt es noch keine Generalaudienz - stattdessen empfängt Franziskus die Vertreter anderer Religionen.

Für die Kardinäle, die ihn zum Papst machten, hielt Jorge Mario Bergoglio beim Abendessen nach dem Konklave einen kleinen Seitenhieb bereit: "Gott möge euch allen vergeben!" (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 15.3.2013)

Share if you care.