Erfolgsformeln gelten hier nicht

14. März 2013, 17:10
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Eine Diagonale mit lauten Schlagerstars und stillen Heldinnen. Eindrücke von ersten Spiel- und Dokumentarfilm-Premieren beim Festival des österreichischen Films

Graz - Was ein echter Verkaufsschlager ist, das funktioniert überall: Wenn Marc Pircher, aus Tirol stammender Star der volkstümlichen Musik, Hände in die Höh anstimmt, reißen Menschen frenetisch die Arme nach oben - ob im Wirtshaussaal, im Bierzelt oder unter freiem Himmel.

Das Repetitive wird gleich zu Beginn des Dokumentarfilms Schlagerstar eindrucksvoll eingeführt: als bezeichnend für den Arbeitszusammenhang des Protagonisten und als stimmiges Ordnungsprinzip für den Film. Nicht nur auf der Bühne ist alles Wiederholung, auch die Fanbetreuung samt Erinnerungsfotos ("wo schauma hin?") oder die Arbeit im Tonstudio basieren darauf. Die Filmemacher Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober halten zu diesem Geschehen visuell Distanz. Vieles wird in Totalen erfasst und so besser einsehbar. Die Nähe zum Protagonisten beschränkt sich aufs Geschäftliche; es wird keine Lebensgeschichte aufgerollt, sondern ein Gewerbe beleuchtet, welches auf Erfolgsformeln setzt und dabei genau wie das Industriekino lieber auf Nummer sicher geht und unermüdlich das Terrain zwischen Herz und Schmerz beackert.

Die Diagonale setzt naturgemäß auf anderes. Programmatisch in einer Filmauswahl, die Vielfalt und Experiment betont. Auch und gerade im Spielfilmbereich, wo man heuer auf einen Jahrgang trifft, der weitgehend ohne Bezug aufs Formelkino auskommt, dafür eigenwillige Geschichten und Figuren erfindet.

Caspar Pfaundler etwa begleitet seine Protagonistin Anja durch einen Sommer, in dem die 28-Jährige eigentlich ihre Diplomarbeit fertigschreiben sollte. Aber Anja (Elisabeth Umlauft) sitzt daheim vor Laptop und sorgsam geordneten Bücher- und Zettelstapeln wie gelähmt, unerklärlich, aber zutiefst verfangen in eigenen Ängsten, unausgesprochenen Wünschen und Anforderungen.

Gehen am Strand beschreibt seine stille Heldin und ihren Zustand sehr präzise, und einen guten Teil dieser Beschreibung gewinnt er aus dem genauen Erfassen von Anjas Routinen in ihrer Lebensumgebung, der Altbauwohnung und dem Grätzel um die Praterstraße, am Donaukanal. Man sieht Wien - und sieht es noch einmal neu. Auch wenn die Geschichte gegen Ende vielleicht ein bisschen zu weit ausholt, behält man diesen schönen Eindruck im Kopf. Eine vorsichtige Annäherung steht auch im Mittelpunkt von Talea, dem Spielfilmdebüt der Filmakademie-Absolventin Katharina Mückstein. Die 14-jährige Jasmin sucht in den Ferien Anschluss an ihre Mutter Eva, die kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Eva reagiert auf die Avancen ihrer Tochter eher reserviert. Sie weiß nach all der Zeit nicht mehr, wie man auf einen anderen zugeht. Es bereitet ihr sichtbar Mühe, ihre raue Schale abzulegen.

Erzählerisch ist Talea ein überschaubares Projekt, manche Wendung wirkt ein wenig forciert. Doch Mückstein inszeniert ihre kleine Geschichte mit konzentrierter Umsicht. In mit Sorgfalt komponierten Bildern, die von langsamen Landschafts-Trackings durchbrochen werden, folgt sie den beiden auf einen Abstecher ins Waldviertel. Auf Momente des Näherkommens, beim Spazieren oder bei einer Zigarettenpause, folgen erste Missstimmungen. Der Wunsch, zeigt Talea, macht noch keine Wirklichkeit. Nicht zuletzt die beiden Darstellerinnen reichern den Film mit schönen Nuancen an: Sophie Stockinger ist als verhaltene Jasmin eine Entdeckung, und Nina Proll zeigt in der "Altersrolle" der Eva eine ungeschminkte, überraschend verletzliche Seite. (Isabella Reicher/Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 15.3.2013)

  • In "Talea" sucht Tochter Jasmin (Sophie Stockinger) die Nähe von Mutter Eva (Nina Proll).
    foto: la banda film

    In "Talea" sucht Tochter Jasmin (Sophie Stockinger) die Nähe von Mutter Eva (Nina Proll).

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