Rewe-Chef will "abschreckende Strafen"

Interview14. März 2013, 18:20
180 Postings

Frank Hensel sieht die Politik bei der Essensqualität gefordert. Der Chef von Rewe Österreich preist auch die Macht der Konsumenten

Standard: Haben Sie schon einmal Pferdefleisch probiert?

Hensel: Es ist qualitativ hochwertiges Fleisch. Ich lebte und arbeitete vier Jahre in Italien. Wir führen es dort in jedem Billa als Spezialität frisch oder verarbeitet – es ist teilweise teurer als Rindfleisch. Was zuletzt passiert ist, war kein Qualitäts- sondern ein Deklarationsproblem, was ich persönlich als eine Ungeheuerlichkeit empfinde.

Standard: Bei Rewe wurde Pferdefleisch in Kärntner Hauswürsteln und der Lavanttaler Bauernsalami nachgewiesen. Ärgert Sie das?

Hensel: Enorm. Es ist Verbrauchertäuschung und gehört bestraft; der Kärntner Fall ärgert mich doppelt, weil es ein regionaler Lieferant ist. Wir fördern diese, wollen sie erhalten, da erwartet man sich, dass sie so etwas nicht machen.

Standard: Lassen Sie jetzt bei jeder Wurst DNA-Tests machen?

Hensel: Wir haben über 170 Proben der Eigenmarken gezogen, alle negativ, auch alle amtlichen Proben. Wir führen das schwerpunktmäßig weiter, machen jährlich auch über 7.000 Labortests. Künftig testen wir auch auf Pferdefleisch.

Standard: Konsumenten wird mit rot-weiß-roten Fähnchen und Herkunftsbezeichnungen Regionalität suggeriert. Oft ein Trugschluss.

Hensel: Bei nicht korrekter Kennzeichnung, bei gravierenden Verstößen muss der Gesetzgeber handeln und abschreckende Strafen verhängen. Dann werden sich diese Dinge rasch aufhören. Der gesetzliche Rahmen reicht, wir brauchen auch keine neuen Gütesiegel. Es ist eine Frage der Kontrolle.

Standard: Was halten Sie von einer Art Reisepass für Lebensmittel?

Hensel: Wir müssen Warenflüsse besser an den Schnittstellen kontrollieren, hier liegen die Problemfelder. Der Gedanke an sich ist richtig: So etwas müsste aber im EU-Raum übergreifend passieren.

Standard: Wie schnell vergisst der Konsument Lebensmittelskandale?

Hensel: Lebensmittel wurden qualitativ viel besser. Warum gibt es mehr Skandale? Weil die Transparenz höher ist und Analysemethoden feiner sind. Und ganz neutral gesagt: Eine Papstwahl ist so lange interessant, solange kein weißer Rauch rauskommt. Sobald er da ist, gibt es bessere Themen.

Standard: Wieviel Macht haben Konsumenten?

Hensel: Sie können mit ihrer Entscheidung alles verändern.

Standard: Aber sie haben kaum Möglichkeiten der Kontrolle, sind eigentlich wunderbar verführbar.

Hensel: Glaube ich nicht. Sie werden mit den technischen Möglichkeiten, von Wikipedia bis Google, rasch zu Spezialisten. Konsumenten sind bestinformiert, deswegen gibt es auch so viele Diskussionen.

Standard: Berglandmilch hat nach Preisabsprachen u.a. mit Rewe eine Kartellstrafe ausgefasst. Was wirklich passiert ist, wird nicht offengelegt. Konsumentenschützer klagen hier über fehlende Transparenz.

Hensel: Unser Verfahren ist noch ein laufendes, das wollen und dürfen wir nicht kommentieren.

Standard: Was ist dran an hartnäckigen Vorwürfen, dass es bei Preisen im Lebensmittelhandel einen Österreich-Aufschlag gibt?

Hensel: Wäre dem so, wären Österreichs Händler reich. Wir waren stets inflationsdämpfend. Was wir nicht können, ist, uns von der internationalen Rohstoffsituation abzukoppeln. Gesagt gehört, dass die Arbeiterkammer-Preisvergleiche nicht seriös sind. In Osteuropa sind die Preise im Übrigen vielfach höher als in Österreich.

Standard: Merkur hat eine Filiale in der Wiener Innenstadt auf Luxus und Exklusivität getrimmt, bietet sogar Limousinendienste. Ist dieser Standort wirklich rentabel ?

Hensel: Wir subventionieren langfristig nichts quer. Das muss sich wirtschaftlich rechnen. Ja, es gibt dafür eine gewisse Käuferschicht, Filialen wie diese werden aber sicher Ausnahmen bleiben.

Standard: Rewe ist gut gewachsen. Tochter Adeg verbuchte zuletzt jedoch mehr als fünf Millionen Euro Verlust, der Bilanzverlust lag bei 110 Millionen. War die Übernahme wirklich die richtige Entscheidung?

Hensel: Es hat bedingt durch die vielen Auflagen ein bisschen länger gedauert als wir uns vorgestellt haben. Das war nicht einkalkulierbar. Adeg hat aber trotz Strukturbereinigung Umsatz zugelegt. Wir habe Adeg als strategischen Kunden übernommen, weil wir in der Zusammenarbeit mit den selbstständigen Kaufleuten Fuß fassen wollten. Dafür war es die richtige Entscheidung.

Standard: Wie meistert Ihr Mitbewerber Dayli den Neustart? Spüren Sie ihn als Konkurrenten?

Hensel: Ich bewundere den Mut der dort Tätigen. Aber mit Verlaub und viel Respekt: Dayli ist kein Konkurrent. Im Drogeriemarkt hat er extrem verloren, da hat er praktisch keine Marktbedeutung mehr – und im Lebensmittelhandel schon gar nicht.

Standard: Knapp ein Fünftel der Lehrlinge schafft die Abschlussprüfung nicht, erhob eine Studie. Geht dem Handel der Nachwuchs aus?

Hensel: Wir sollten uns vor solch pauschalen Aussagen hüten, die ganze Generationen diskriminieren. Wir haben nicht annähernd eine so hohe Ausfallsquote. Man kann jeden dazu bringen, eine ordentliche Lehre abzuschließen. Fakt ist: In unserem derzeitigen Schulsystem schaffen wir für die Lehre immer schlechtere Voraussetzungen. Das den Jugendlichen anzulasten, finde ich falsch. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 15.3.2013)

FRANK HENSEL (54) ist Vorstandschef der Rewe International AG (Billa, Merkur, Penny, Bipa, Adeg). Der Konzern steigerte den Umsatz 2012 um drei Prozent auf 12,7 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 39.400 Mitarbeiter. Hensel ist gebürtiger Deutscher, Betriebswirt und hat einen Lehrabschluss im Einzelhandel.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hensel: Konsumenten werden mit den technischen Möglichkeiten, von Wikipedia bis Google, rasch zu Spezialisten.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Lavantaler Bauernwurst" und "Kärntner Hauswürstl": In diesen Produkten der Firma Josef Freitag in Kärnten wurde Pferdefleisch nachgewiesen.

Share if you care.