Beton ist Zuhause

Glosse15. März 2013, 14:00
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Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden

Neu-Belgrad, Neu-Zagreb, Neu-Warschau - die Platte aus Stahlbeton wird Hunderttausenden und auch meiner Kindheit ein gutes Zuhause. Heute ist es wehmütig-nostalgisch, wenn ich mich erinnere. Da sind Splitter von Bildern, blauhimmelig und sonnig. Da sind auch Geruchsfetzen von trocknender Wäsche, gestärkt und kernseifig. Und Echos zugerufener Kindernamen im Lichthof, wenn das Mittagessen fertig ist.

Brüder, zur Sonne!

Der Mensch wirkt in Novi Beograd immer klein, der Himmel immer groß. Das liegt daran, dass die sozrealistischen Planer riesige Grünflächen mit breiten Boulevards einrahmen und die Plattenbauten fast sporadisch in das Grün stellen. Meine Kindheit hier ist immer von diesem weiten Himmel bedeckt, der sogar im Herbstregen nicht drückt.

Der Boulevard unserer Adresse heißt Omladinskih Brigada (Jugendbrigaden), der Plattenbau trägt die Bezeichnung C-7. Alle anderen Plattenbauten tragen auch solche "Namen" und die aus dem Französischen geborgte Bezeichnung "Soliter", weil sie weit gestreut einzeln in der flachen Ebene Neu-Belgrads stehen. Doch bald beginnen die Einwohner manchem "Soliter" Volksnamen zu geben.

In unserer Nachbarschaft steht der "Kafe-Soliter", weil er bräunlich ist. Weiter weg sind die "Šest Kaplara", die sechs Korporäle, weil dort nur Volksmilizionäre wohnen. Andere nennen diese sechs Gebäude aus demselben Grund nur "Pendreci", was so viel wie Schlagstöcke bedeutet. Ganz in der Nähe ist die "Chinesische Mauer", die ein 800 Meter langer Wohnkomplex ist und sich im Zickzack entlang der Save erstreckt. Aus dem Fenster im dritten Stock unseres C-7-Soliter, der nie einen Volksnamen bekommt, kann ich die Televizor Zgrada, das Fernseher-Haus, sehen. Es heißt so, weil die Fenster wie TV-Bildschirme formatiert sind.

Das hohe und schlanke Gebäude des Zentralkomitees der KP, nahe am Zusammenfluss von Save und Donau, wird "Prst Sudbine" genannt. Das heißt: der Finger des Schicksals.

Kulturschock

Als ich mit neun Jahren nach Wien komme, um hier mit Mama und Papa zu leben, empfinde ich die Zimmer-Küche-Wohnung mit Klo am Gang als Wohngefühl der dritten Welt. Im C-7 haben wir ein eigenes Klo und eine Dusche, die Fenster sind in Aluminium gerahmt, sie bilden eine durchgehende Front, so dass alle Zimmer hell sind. Das Loch in Wien hingegen ist dunkel, klein und traurig, die Sonne von Neu-Belgrad zu vermissen lässt mich oft weinen.

Vor und hinter C-7 sind weite Grünflächen mit Büschen und Bäumen. Meine Schwester, Srdjan und ich haben jeweils einen dieser Bäume als "unseren" annektiert. Manchmal sind sie unsere Raketen zum Mars, manchmal Segler in der Dünung, oft Zuflucht vor Ungeheuern aus dem Busch oder Festungen im Krieg der Knöpfe. Jenseits des Boulevards ist noch eine riesige Sandfläche, ein noch nicht verbautes Quadrat, wo wir jedes Wüsten- und Fremder-Planet-Szenario durchspielen.

In Wien ist der Beserlpark in der Grimmgasse in Rudolfsheim auch wegen der Hundekacke ein Ort des Grauens. In Novi Beograd besitzt so gut wie niemand einen Hund. Und es kann im Novi Beograd meiner Kindheit nicht geschehen, dass ich auf einem Hundstrümmerl ausrutsche und in ein zweites reinplumpse. In Rudolfsheim ist das fast mein Alltag.

Die Frösche von Novi Beograd

Als ich etwa fünf bin, beginnen meine inneren Aufzeichnungen sich als Erinnerungen festzusetzen. Da sind die großen Bulldozer, denn C-7 liegt im Block 1, der ersten Ausbaustufe von Novi Beograd. Rundherum wird der große Sumpf nahe Zemun (Semlin) mit Sand aufgeschüttet, neue Soliteri entstehen. In die Reste des Sumpfes dringe ich mit meinem Großvater durch dichte Schilfstauden auf Froschjagd vor.

Dieses Abenteuer mit Opa ist der Grund für ein kindliches Mysterium: Wie fängt Opa die verdammten Frösche? Ich bekomme diesen Vorgang nie zu Gesicht. Großvater sagt immer nur: "Hopp! Da hab ich noch einen!" Und immer schau ich grad woanders hin, wenn das "Hopp!" geschieht. Wenn dann drei, vier Frösche in seiner Tasche landen, in die ich nicht hineinlugen darf, damit die Frösche nicht entkommen, setzt mich Opa noch auf einen der geparkten Bulldozer.

Zu Hause brät die Oma dann einige Hühnerflügel, legt sie auf meinen Teller, und ich esse diese Froschschenkel mit großem Genuss. Danach sehe ich heimlich in Opas Manteltasche nach, ob einer der Frösche sich darin versteckt.

Sand im Mund

Von den Türken geborgt und aus den Wörtern "kos" und "hava" gezimmert, was "schneller Wind" bedeutet, ist die "košava" eine besondere Plage, wenn sie im Herbst weht. Dieser Wind ist so heftig, dass er den Sand von den unverbauten Quadraten hochwirbelt und Neu-Belgrad tagelang in einem veritablen Sandsturm versinkt. Manchmal dringt der feine Sand in die Wohnungen von C-7, und es knirscht, wenn ich Omas Hühnerflügel-Froschschenkel esse.

Archäologen der Zukunft werden wohl eines Tages die Frösche und sonstigen Bewohner des riesigen Sumpfes, auf dem Novi Beograd errichtet ist, ausgraben und feststellen, dass er unter meterdicken Sandschichten begraben ist, auf denen ihre Vorfahren große Häuser aus Beton bauen. Der C-7-Soliter ist seit den 60er Jahren gut 20 Zentimeter eingesunken, was man auch mit freiem Auge feststellen kann.

Manchmal habe ich diese apokalyptische Vision. Ich irre durch ein halb versunkenes Novi Beograd. Der Sumpf ist zurück, und überall, versteckt in Wäldern aus Schilf, quaken Frösche. Der C-7-Soliter ist bis zum dritten Stock eingesunken. Ich betrete unsere Wohnung durch die Alu-gerahmten Fenster. In der Küche ist meine Oma und brät Froschschenkel.

Beograd - Beč

Im Rückblick gewendet, durch das Prisma des Hier-und-jetzt-Wissens analysiert und hemmungslos rational beurteilt, ist Wien doch keine üble Heimat. Das Leben in Wien erspart mir den Anblick von Bomben auf Beograd. Und wenn ich in einen wunderbaren roten, mit Flüssiggas betriebenen Autobus der Wiener Linien steige, denke ich an die gelben Busse, die durch Novi Beograd röcheln. Das sind die mit der Aufschrift "Donation from the people of Japan".

Inzwischen haben viele Bewohner der nun recht verkommenen einstigen sozrealen Neustadt einen Hund als Haustier, und Pensionisten kramen in den Abfallcontainern. Und da, wo einst "unsere" Bäume stehen, ist jetzt eine kleine orthodoxe Kirche. Gebaut aus vorgefertigten Betonplatten. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 15.3.2013)

  • Sieht romatisch aus. Ist es aber nicht. Beograd am 28. Mai 1999 - Stromausfall nach einem NATO-Bombardement.
    foto: reuters

    Sieht romatisch aus. Ist es aber nicht. Beograd am 28. Mai 1999 - Stromausfall nach einem NATO-Bombardement.

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