Warum Geschichte nicht vernachlässigt werden darf

Leserkommentar14. März 2013, 16:49
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Noch heute sind 42 Prozent der Meinung, dass im Nationalsozialismus nicht alles schlecht war. Eine Tatsache, die auf ein gesellschaftspolitisches Problem hindeutet

Was sagt es aus, wenn 42 Prozent behaupten, dass der Nationalsozialismus auch gute Seiten hatte,  wenn sechs von zehn Leuten einen starken Mann an der Spitze Österreichs wünschen und 46 Prozent Österreich beim Anschluss in der Opferrolle sehen? Man kann freilich nicht behaupten, dass es an historischer Aufklärung fehlt. Das Problem ist vielmehr, dass historische Ereignisse in unserem Alltag keinen Platz mehr finden.

"Was interessiert mich die Vergangenheit, ich lebe im hier und jetzt, was passiert ist, ist passiert" ist einer der häufigsten Aussagen von Geschichtsverdrossenen. Wenn man nach der Schule nicht gerade Geschichte studiert, kommt man im Alltag nicht wirklich damit in Berührung. Geld, Job und Karriere sind nach Abschluss der beruflichen Ausbildung unsere Taktgeber.

Geschichte wird vernachlässigt

Was wir im Schulfach Geschichte gelernt haben, bleibt auf der Strecke liegen. Die Angebote des ORF sind meiner Meinung nach nicht wirklich zahlreich. Alle kulturellen und zeitgeschichtliche Angebote wurden auf den Spartensender ORF III verbannt, der in österreichischen Haushalten wohl kaum auf den ersten Sendeplätzen liegen wird. Die Generation, die das totalitäre System und den Krieg erlebt hat, wird bald gestorben sein, sodass es keine Zeitzeugen mehr geben wird, die man befragen kann.

Die Gefahr ist daher groß, dass ein revisionistisches Geschichtsbild entsteht, das zu fatalen Folgen für die zukünftige Gesellschaft führen könnte. Unsere Kinder und Kindeskinder wären  über die Gräueltaten des Nationalsozialismus aus einem fragwürdigen Blickwinkel bewerten.

Statt Sachlichkeit würde Emotionalität die politischen Debatten bestimmen, die polarisiert und Feindbilder entstehen lässt. Komplexe gesellschaftspolitische Probleme würden vereinfacht und einseitig dargestellt werden. Andere kritische Meinungen würden diskreditiert werden, was im Extremfall zu einer Zensur führen würde.

Das individuelle Verantwortungsbewusstsein für eine demokratische und interkulturelle Gesellschaft wäre ein seltenes Phänomen unter den Bürgern, wenn es lediglich einen starken Mann an der Spitze des Staates gäbe, der über jegliche fachpolitische Entscheidungsgewalt verfügt.

Neues Verantwortungsbewusstsein

Sich einen starken Mann an der Spitze zu wünschen zeigt deutlich, dass es für viele keine Anreize existieren, individuelle Verantwortungen zu übernehmen. Umso mehr ist es wichtig Möglichkeiten anzubieten, die ein neues Verantwortungsbewusstsein entstehen lässt. Dazu zählt etwa das lebenslange Lernen.

In der gegenwärtigen Zeit ist es unausweichlich sich lebenslang zu bilden und immer auf dem Laufenden zu sein.  Vor allem historische Ereignisse zu vermitteln und unseren Nachfahren weiterzugeben sorgt für einen Lernprozess, der Fehler aus der Vergangenheit vermeidet. Unter diesem Aspekt kann man beispielsweise erwähnen, dass die Rüstungspolitik des Dritten Reiches zu einem desolaten Zustand der Wirtschaft geführt hat. Die massive Ausrüstung NS-Deutschlands führte das Land in die Nähe eines Staatsbankrotts. Der Anschluss Österreichs und der anschließende totale Krieg verhinderte jedoch die Zahlungsunfähigkeit. (Leserkommentar, Onur Kas, derStandard.at, 14. 03. 2013)

Onur Kas (23), studiert Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen.

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