Wayne Shorter: Geformte Freiheit

14. März 2013, 17:19
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Der US-Meistersaxofonist legt mit "Without a Net" eine CD vor, die ihn auf dem Höhepunkt seiner abstrakten Jazzkunst zeigt

"Keiner spielt solo, alle spielen solo", hat Keyboarder Joe Zawinul einst gesagt, als es darum ging, die Arbeitsteilung innerhalb seiner Fusionband Weather Report zu definieren. Zu jener Zeit war auch Saxofonist Wayne Shorter nicht nur dabei. Er war das gewichtige, produktive und soundprägende Gegenüber von Zawinul; also ein so subtiler wie intensiver Mitdenker wie Gestalter. Das obige Zawinul-Zitat verweist auf die Gleichberechtigung der Bandmitglieder und auf die Möglichkeit, jederzeit eine Auflösung der Rollenverteilung Begleiter/Solist zu inszenieren, wenn es die Intensität der Musik erfordert. Es bedurfte aber profilierter Könner, um das umzusetzen. Nun weilt Zawinul leider nicht mehr unter den Lebenden. Aber in jener Formation von Wayne Shorter, die der US-Musiker nach Weather Report um sich baute, lebt dieser Satz, der eine demokratische Art des Musizierens beschreibt, weiter. Aktuell ist er auf "Without A Net" (bei Blue Note erschienen) nachzuhören, wo - als Teil des Shorter-Quartets - Könner wie Danilo Perez am Klavier, Jon Patitucci am Bass und Brian Balde am Schlagzeug zu hören sind.

Natürlich dominiert die "Stimme" Shorters: Der Veteran (Jahrgang 1933) des Sopran- und Tenorsaxofons macht auch keine Anstalten, sich auf ruhiges Terrain zurückzuziehen und nur bei seiner subtil-lyrischen Diktion zu verweilen. Mit hitzigen Phrasen lebt er eine Unbedingtheit des Ausdrucks aus; die emphatischen Linien wirken wie stürmische Ausreizungen improvisatorischer und instrumentaler Möglichkeiten. Bei aller Abstraktion ist Shorter ein Erzähler von hoher Unmittelbarkeit, der sich zwar im tonalen Bereich bewegt, aber immer bereit ist, die Grenzen der Tonalität auszureizen. Shorter kann auf eine große eigene Historie zurückgreifen: In den 1960ern war er Teil des Miles Davis Quintets (mit Wunderknaben wie Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams), und längst zeigte er mit Stücken wie Footprints und Nefertiti seine über das Instrument hinausreichenden Fähigkeiten. Das Stück, mit dem diese Shorter-CD beginnt, Orbist, ist übrigens auch das von Shorter komponierte Eröffnungsstück der Davis-CD Miles Smiles gewesen (1966).

Klar: Mit Pegasus ist auf der CD auch ein 26-minütiges Stück, das durchkomponierter daherkommt als der Rest. Und auch wenn hier einiges etwas akademisch und ein bisschen aufgesetzt zusammengebaut scheint, retten auch hier die improvisatorischen Passagen das Stück, wird die Musik durch sie auf eine ganz raffinierte Ebene gehoben. Man merkt, dass die Herren ein eingespieltes Team sind, das Shorters Idee von der Freiheit des Musizierens umsetzen kann: die Idee vom offenen Kunstwerk, das durch Kommunikation zusammengehalten wird, aber spontan elegante Formen annehmen kann.

In einem STANDARD-Interview hat Shorter einmal gesagt: "Wir haben gemerkt, dass immer, wenn wir nicht probten, Besonderes passiert. Deshalb nehmen wir live auf. Wir fangen zwar mit einer Songform an, aber sie soll uns nicht dominieren, kein Dogma sein. Die Form darf uns nichts diktieren, sonst gerät alles zu Formalismus." Wenn man etwa die finale Komposition hört, also (The Notes) Unidentified Flying Objekts, kann man es in Reinform erleben: in nervösen Linien rast das Klavier dahin, umgarnt von Saxofonkommentaren. Eine rasante Mehrstimmigkeit ist die Folge, bei der, im Sinne Zawinuls, keiner und zugleich alle solo spielen. Auch diese CD ist natürlich live aufgenommen. (Ljubiša Tošic, Rondo, DER STANDARD, 15.3.2013)

  • Wayne Shorter ist auf seiner CD in Spitzenform.
    foto: epa/skip bolen

    Wayne Shorter ist auf seiner CD in Spitzenform.

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