Die stille Migration der Ungarn

14. März 2013, 12:09
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Immer mehr Ungarn wandern aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nach Österreich ein

Wenn man über Zuwanderung in Österreich spricht, stehen die ungarischen Einwanderer selten im Vordergrund. Mit einigen Sportlern und begabten "Dancing Stars" schaffen es die Austro-Ungarn auf die Titelblätter einiger Boulevardzeitungen, sonst bleiben sie für die Öffentlichkeit meist unsichtbar.

Erstaunlich ist dieser Umstand auch nicht, wenn man die Migration in absoluten Zahlen misst. Zahlenmäßig liegen die Ungarn hier weit hinter den deutschen, türkischen und serbischen Einwanderern. Dennoch gehört die ungarische Migrantengruppe zu jenen, deren Zahl derzeit am stärksten steigt. Im Jahr 2011 wanderten laut Statistik Austria rund 10.000 Personen mit ungarischer Staatsbürgerschaft nach Österreich ein.

Migration vor allem im Grenzgebiet

Laut den Daten der Statistik Austria leben die meisten Ungarn in Ostösterreich. Die Bundesländer Wien (14.643 Personen), Niederösterreich (7.457) und Burgenland (5.252) verzeichnen gegenwärtig die höchste Zahl gebürtiger Ungarn. Innerhalb der ungarischen Migrationsgruppe unterscheidet man zwischen jenen, die in Ungarn Wurzeln haben, jenen aus ungarischen Communitys anderer Staaten (etwa der Slowakei, Rumänien oder Serbien) und der autochthonen Volksgruppe, die vor allem im Burgenland lebt. 

Abwanderung in Krisenzeiten

Es ist eine historische Emigrationswelle, die sich derzeit aus Ungarn ausbreitet. Zurückzuführen ist sie auf die tiefe wirtschaftliche und politische Krise dses Landes. Und so ist es nicht überraschend, dass die Ungarn in Krisenzeiten die Grenze zum Nachbarland Österreich überschreiten. Die ungarische Räterepublik von 1919 und der Aufstand gegen die Sowjetunion im Jahr1956 hatten einst ähnliche Konsequenzen gehabt.

Genaue Zahlen zur aktuellen Auswanderungswelle sind unbekannt, da viele der Ungarn beim Verlassen des Landes weiterhin über den ungarischen Wohnsitz verfügen. György Matolcsy, der frühere Wirtschaftsminister und neu ernannte Notenbankchef, schätzt, dass "eine halbe Million Arbeitnehmer" außerhalb der ungarischen Grenzen beschäftigt sind. Laut Berechnungen des ungarischen Wirtschaftsministeriums arbeiten davon 50.000 in Österreich.

Kein Wirtschaftswachstum, keine Arbeit

Ungarn ist eines jener europäischen Länder, die am meisten von der Wirtschaftskrise betroffen sind. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt über elf Prozent, ein Wirtschaftswachstum gibt es seit Jahren nicht mehr. Die Investitionen schrumpfen, das komplette Versagen der Wirtschaftspolitik der Regierungen der letzten Jahre ist eindeutig.

Anderthalb Millionen Ungarn leben derzeit in extremer Armut, 90.000 sind als sogenannte staatliche Pflichtarbeiter beschäftigt, die für ein monatliches Nettogehalt von rund 160 Euro arbeiten. Wird die Pflichtarbeit nicht angenommen, verzichtet man automatisch auf staatliche Unterstützung aller Art. Die Betroffenen blicken ohne jegliche Perspektive in die Zukunft. Vielen bleibt nichts mehr übrig als die Hoffnung auf einen Neustart in einem fremden Land. Neben England und Deutschland gilt Österreich als Hauptdestination der ungarischen Auswanderer.

Dazu kommen noch zahlreiche Ungarn aus den Grenzgebieten, die täglich nach Österreich, dem Land der "reichen Schwager", pendeln. Die Zahl der Pendler, die von ihrem Wohnort in Ungarn zu ihrem Arbeitsort in Österreich reisen, lag schon im Jahr 2008 bei rund 10.000. Die meisten von ihnen möchten so lange in Österreich bleiben, bis sie sich finanziell verbessert haben. Nur eine kleine Minderheit plant eine endgültige Migration, heißt es in einer Studie der Österreichisch-Ungarischen ExpertInnenakademie (EXPAK).

Politische Ursachen

Neben den wirtschaftlichen Faktoren spielt auch die Politik eine Rolle bei der Abwanderung. Die Machtübernahme der Fidesz-Regierung in Jahr 2010 und die darauffolgenden Maßnahmen der Rechtskonservativen stehen international scharf in der Kritik. In der ungarischen Gesellschaft formiert sich parallel dazu ein Widerstand, dessen Rechte und Möglichkeiten die Regierung allerdings durch die schleichende Abschaffung des Rechtsstaates weitgehend eingeschränkt und begrenzt hat. Durch die ungarische Gesellschaft zieht sich eine klare Trennlinie, die Tag für Tag tiefer wird.

Der zunehmende Nationalismus und die damit zusammenhängende Intoleranz in Form von Antisemitismus und Antiziganismus tragen vermehrt zur Auswanderung bei. Die permanente Truppenparaden und Schussübungen rechtsradikaler Garden schüren Angst in Teilen der Bevölkerung. In einem dermaßen vergifteten Klima ist es keine Überraschung, dass jährlich tausend Juden Budapest verlassen, das derzeit noch die größte jüdische Gemeinde Zentraleuropas beherbergt. Sie wandern aus, weil Xenophobie und Judenfeindlichkeit in breiten Schichten der Gesellschaft Akzeptanz finden. Im November 2012 forderte der stellvertretende Fraktionschef der rechtsextremen Jobbik-Partei sogar die landesweite Registrierung aller Juden, da sie ein "Sicherheitsrisiko" darstellten. Zu den Hauptdestinationen der jüdischen Auswanderung gehört auch Wien.

Ein Ende der Wirtschaftskrise und der drastischen politischen Maßnahmen der rechtskonservativen Regierung ist nicht abzusehen. Deshalb kann man damit rechnen, dass die Auswanderung der Ungarn nach Österreich und in andere europäische Länder sich im gleichen Ausmaß wie in den letzten Jahren fortsetzen wird. (Balazs Csekö, daStandard.at, 14.3.2013)

  • Zur steigenden Zahl ungarischer Migranten kommen auch zahlreiche Ungarn aus den Grenzgebieten, die täglich nach Österreich, dem Land der "reichen Schwager", pendeln.
    foto: tobias müller / standard

    Zur steigenden Zahl ungarischer Migranten kommen auch zahlreiche Ungarn aus den Grenzgebieten, die täglich nach Österreich, dem Land der "reichen Schwager", pendeln.

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