Mathe, mein Angstfach

14. März 2013, 10:06
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Über zwei Anläufe, Ausfälle und den Anschluss

Es muss sein. Ich kann die nächste Mathevorlesung nicht länger vor mir herschieben. Im ersten Semester habe ich mich noch ein bisschen geschont und mir nur einen Teil der großen Brocken vorgenommen. Trotzdem habe ich drei Prüfungen mehr geschafft als immerhin jeder Elfte meiner Kolleginnen und Kollegen. Die haben laut einer kürzlich veröffentlichten Studierenden-Sozialerhebung nämlich keine einzige Prüfung absolviert.

Jedenfalls ist jetzt die Mathematik dran, und ich habe mich brav vor dem großen Hörsaal eingefunden. Wie gefühlte 150 andere auch warte ich ungeduldig, dass der Saal endlich geöffnet wird. Unmittelbar vor der Tür hat sich schon eine Menschentraube gebildet, die an den Rändern in kleine Grüppchen ausflockt. Schon zehn nach, und es geht noch immer nicht los. Was ist passiert? Da kommt keine Bewegung in die Menge. Sollte diese Lehrveranstaltung entgegen den Usancen hier doch "cum tempore" beginnen? Ich schiebe mich weiter nach vorn und werde durchgelassen, weil mich einige wegen meines Alters wohl für die Vortragende halten. Diesen Irrtum weiß ich eiskalt zu nützen und dringe bis direkt vor die Tür vor. Da steht groß und deutlich auf einem Zettel zu lesen: Die Vorlesung muss wegen Krankheit entfallen.

Ich traue meinen Augen nicht. Warum bleiben alle stehen, wenn da in fetten Lettern geschrieben steht, dass die Lehrveranstaltung nicht stattfindet? Ich spreche einen jungen Mann an, der neben mir steht und sich angeregt mit zwei anderen unterhält: "Warum geht ihr nicht, wenn der Professor krank ist?" Er sagt: "Wir sind nicht sicher, ob sich da nicht jemand einen Scherz erlaubt hat, deswegen warten wir lieber noch ein bisschen."

Ich warte nicht, sondern ärgere mich gleich ausgiebig, dass ich den Weg an die Uni umsonst gemacht habe. Eigentlich sollten alle, die angemeldet sind, per E-Mail vom Ausfall einer Lehrveranstaltung informiert werden, ein tolles Service, das es vor 20 Jahren natürlich noch nicht gegeben hat. Nachdem ich meine E-Mails unmittelbar davor kontrolliert habe, dürfte der Krankheitsfall recht kurzfristig eingetreten sein, was ja einmal vorkommen kann.

Eine Woche später trete ich wieder zur Mathevorlesung an. Eigentlich hätte es mir schon am Eingang zum Institut auffallen müssen: keine Raucher vor der Tür. Auch im Aufenthaltsraum nur einer, der ein Asia-Fertiggericht runterschlingt. Vor dem Hörsaal stehen ganze sechs Personen. Was ist da los? Warum sind nur so wenige da? Letzte Woche waren es noch über hundert Wartende! Mir schwant gleich Böses. Da scheine ich etwas nicht mitbekommen zu haben. Wie die anderen des versprengten Restgrüppchens auch beginne ich hektisch in mein Smartphone zu tippen. Schon wieder keine Benachrichtigungsmail!

Auch die anderen scheinen ratlos. Zur Sicherheit frage ich noch denjenigen, der als Einziger keine Kopfhörer aufhat, ob er Nachricht bekommen habe. Nein? Gut, dann muss ich das wenigstens nicht persönlich nehmen. "Diese Woche ist ja diese Feier", sagt er, und ich vermeine einen leichten deutschen Akzent herauszuhören. Ich denke mir: Was meint denn der? 75 Jahre "Anschluss" kann man wohl nicht als Feiertag bezeichnen?! "Schau", sagt er und zeigt mir auf seinem Handy die Homepage der Uni. Da steht zu lesen: "Am 11.3.2013 feiert die Universität Wien anlässlich der 648. Wiederkehr des Jahrestages der Gründung der Alma Mater Rudolphina Vindobonensis ihren Dies Academicus." Na, dann bin ich ja beruhigt. Und fahre wieder nach Hause. (Tanja Paar, derStandard.at, 14.3.2013)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Nun macht sie ein Jahr lang Bildungskarenz und kehrt an die Uni zurück. Sie studiert Informatik an der Universität Wien.

  • Warten vor verschlossener Tür.
    foto: istockphoto.com/shank_ali

    Warten vor verschlossener Tür.

  • Tanja Paar ist nach 20 Jahren an die Uni zurückgekehrt.
    foto: privat

    Tanja Paar ist nach 20 Jahren an die Uni zurückgekehrt.

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