Der Stoff, aus dem die Träume sind

18. August 2003, 11:45
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Kunststoffe gibt's eine Vielzahl. Der namens Corian avancierte dank seines farblichen Spektrums und seiner Bereitschaft, sich bearbeiten zu lassen, zum aktuellen Topwerkstoff

Das Abenteuer ist der Lohn, aber der Preis dafür ist prompt zu bezahlen. Ross Lovegrove, eine Art lebende Punzierung, wenn es um den Hinweis auf Design-Avantgarde geht, bezahlt sogar noch im Schlaf, an der REM-Kasse gewissermaßen. Die Fülle der Daten aus einer Fülle von Produkten, die es irgendwie auch zu komplexen Formen und multidimensionalen Geometrien zu verknüpfen gilt und die den Walliser ja 365 Tage im Jahr beschäftigen, fliegen nämlich auch in seinen Träumen herum. In einem Fall handelte es sich um atemberaubende Mutationen abstrakter Formen, die Lovegrove aus einem alten, aufgeschlagenen Archäologiebuch aufsteigen sah. Fast so wie bei Indiana Jones muss es gewesen sein, leicht schauderhaft, und dann erschien auch noch eine geheimnisvolle Scheibe, auf der schwarz auf weiß ein Titel prangte: "The Land of Lu".


Wer das Land Lu in diesem Jahr entdecken und besuchen wollte, hatte anlässlich der diesjährigen Mailänder Möbelmesse eine gute Möglichkeit, dies auch zu tun. Der Weg dorthin führte in die Innenstadt, Via Tortona 15, und bloß wenige Schritte weiter breitete es sich auch schon aus - hübsch anzusehen. Ein leuchtender Canyon aus Kunststoff, der die von Lovegroves Computern zugefügten Erosionen in sachten Terrassen widerspiegelte, war da zu sehen. In sechs verschiedenen Farben schimmerten die Treppchen am Boden, und als ebenso formbar wie die Umrisse der nächtlichen Traumgestalten erwies sich das dafür verwendete Material: Corian. Richtig gehört: D a s Corian, mit dem die Nachbarin vor 30 Jahren Muttern neidisch machte. Der etwas wachsig wirkende, bereits Mitte der 60er-Jahre entwickelte Werkstoff, mit dem seit Jahrzehnten Küchen und Badezimmer ausgerüstet sind und auf dessen Platten man eher bürgerliche Frühstücksdramen vermuten würde, erregt heute nämlich das Interesse der fortschrittlichsten Designkreise. Der Grund dafür liegt - abgesehen von den ambitionierten Marketingbemühungen des ursprünglich amerikanischen Industrieriesen DuPont, der im industriellen Alleingang drei Viertel der gebräuchlichsten Polymer-Werkstoffe entwickelt hatte - beim Material selbst.

Kehren wir zu diesem Zweck noch einmal kurz ins Ländchen Lu zurück - und lassen den Blick über die Showroom-Szenerie schweifen. Verheißungsvoll schimmernd tauchen nämlich noch weitere Designlandschaften auf: ein ungewöhnliches Leuchtenwäldchen aus der Ideengärtnerei des Australiers Marc Newson etwa oder eine große kreisrunde Bar, die Entwerferkollege James Irvine aus einem einzigen Stück Corian "herausschnitzen" ließ. Dabei ging es bei dem aktuellen Projekt "De-Lighted by Corian", deren Resultate diesen Frühling in genannter Via Tortona zu sehen waren, gar nicht so sehr um die besondere Corian-Eigenschaft, das Material wie Holz bearbeiten zu können, sondern vor allem um die spezifische Transluzenz des Werkstoffs - momentan ein im Designbetrieb angesagtes Thema. Hinterleuchtete Kärntner Speckstücke, die aufgeschlitzten Leiber der letzten Wale, vielleicht auch das vom Sonnenaufgang durchdrungene arktische Iglu-Mäuerchen - so mögen Assoziationen zum matten Scheinen des "Licht-Corian" ausfallen. In jedem Fall aber handelt es sich dabei nur um eine weitere Phase im Rahmen einer Neuentdeckung des - wie man meinen mochte - bereits bekannten Materials.


Am Beginn des Werkstoffrevivals betonten die damit befassten Entwerfer nämlich unisono andere Vorzüge. Corian, das vor allem mit Flächigkeit assoziiert wurde - und natürlich auch mit so praktikablen Dingen wie Materialbeständigkeit oder hohen Hygiene- und Reinigungsstandards - machte sich vor allem dank seiner skulpturalen Verarbeitungsmöglichkeiten beliebt. Im Gegensatz zu anderen Werkstoffen des Industriedesigns, die in der Regel über den Umweg von Verformungstechnologien in Fa¸con gebracht werden, lässt sich Corian mit der reduktiven Technik des Bildhauers bearbeiten - indem aus großen Blöcken so gut wie jede denkbare Form herausgearbeitet werden kann. Zu den Monolithen, die in diesem Zusammenhang auftauchten, zählten freilich vor allem praktikable Entwürfe. Badewannen, Waschbecken, die - ein weiterer Vorteil - mitunter aus verschiedenfarbigen Teilen montiert werden, zählten dazu, aber auch Möbel. Seither loben Designer das Material, das sich wie ein riesiges Stück Seife zur Fertigung jeder beliebigen Raumskulptur andient und das noch dazu ein beachtliches Spektrum von über hundert Farben abdeckt, über den grünen Klee.

Dass sich nach so langer Marktpräsenz nun eine Reihe von weiteren Verwendungszwecken geradezu aufdrängt - als Material des Beleuchtungsdesigns, als Bodenmaterial - mag wie ein Versäumnis wirken, hat zuletzt aber auch mit der konsequenten Weiterentwicklung modernster Verarbeitungstechniken wie der CNC-Methode zu tun. Die Oberflächenbehandlung - sie ermöglicht weitere zahlreiche dekorative Effekte - rundet die Palette des Möglichen ab. Bleiben also in Summe die kreativen Feinheiten des Designprozesses. Sie kann man - siehe oben - notfalls auch herbeiträumen . . . (Der Standard/rondo/Robert Haidinger/18/07/2003)

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