Ein Signal auf der Weltbühne

Kommentar14. März 2013, 08:29
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Mit einem Lateinamerikaner als Papst hofft die katholische Kirche auf neue Sogwirkung

Mit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst will die katholische Kirche ein Zeichen setzen. Sie erkor erstmals keinen Vertreter aus Europa, sondern aus Lateinamerika - einer Region, in der der Katholizismus noch einen großen Stellenwert hat, wo jedoch die Evangelikalen auf dem Vormarsch sind. Aber es ist eine Weltgegend, in der die Institution Kirche noch eine Anziehungskraft hat. Es ist ein Hoffnungsgebiet für die katholische Kirche. Der Glaube spielt im Alltag der Menschen eine wichtige Rolle, die Frohbotschaft des Evangeliums kann sich in vielfältigen Formen entwickeln und zeigt sich auf bunte, mitreißende Weise.

Ob sich diese Sogwirkung auf die Weltkirche übertragen lässt, wird eine der Herausforderungen des neuen Papstes sein. Sein erster Auftritt als neues Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken auf dem Balkon im Vatikan wirkte fast schüchtern. Vergleichsweise verhalten fielen auch die Reaktionen der Menschen auf dem Petersplatz aus. Der neue Papst begrüßte seine Diözese, zeichnete sich selbst mehrfach als Erster Bischof von Rom. Er zeigte sich dem Kirchenvolk auch sehr zugewandt: "Diesen Weg werden wir gemeinsam gehen. Bischof und Volk." Gemeinsam mit seiner Namenswahl Franziskus kann dieser erste Auftritt als Signal gewertet werden: Er setzt nicht auf Pomp sondern auf Bescheidenheit und ein neues Miteinander von Klerus und Gläubigen. Das passt auch zum bisherigen Lebensstil des Jesuiten und könnte zu einer neuen Programmatik dieses Pontifikats werden. Dass er eher ein Mann der Tat denn Intellektueller ist, zeigt das bisherige Wirken des 76-Jährigen.

Dieser Zugang könnte ihm auch bei der Bewältigung der Missbrauchsskandale helfen. Wie er diese vordringliche Aufgabe in verschiedenen Ländern angeht, wird entscheidend darüber bestimmen, welche Bewertung man über sein Pontifikat fällen wird und ob sich noch mehr Menschen von der katholischen Kirche abwenden.

Sein vehementes Eintreten gegen die Legalisierung der Homoehe in Argentinien, die er als "Attacke auf Gottes Plan" bezeichnete, weist ihn als Vertreter eines konservativen Kurses aus. Aufgrund seiner bisherigen Positionen etwa in der Frage der Verwendung von Kondomen ist eher nicht zu erwarten, dass er einen liberalen Kurs einschlagen und die katholische Kirche öffnen wird.

Seine Nähe zur Militärjunta in Argentinien, die für das Verschwinden und die Tötung von rund 30.000 Menschen zwischen 1976 und 1983 verantwortlich ist, wurde ihm immer wieder vorgehalten. Diesen Vorwürfen - insbesondere jenem, dass er mit dem Verschwinden zweier Jesuiten etwas zu tun habe - wird er auch im Vatikan nicht entkommen. Dass in Rom gerne Intrigen gesponnen werden, wurde durch Vatileaks wieder einmal öffentlich.

Dass er den Ruf genießt, für die Armen einzutreten, kann Bergoglio außerhalb Europas und in den USA nutzen. Aber auch in diesen Weltgegenden klafft die Lücke zwischen Reich und Arm immer mehr auf. Die Globalisierungskritiker könnten im neuen Papst einen Verbündeten finden, der ihren Botschaften neue Resonanz verleiht.

Dass ein Lateinamerikaner der zweitgrößten Religionsgemeinschaft weltweit vorsteht, ist auch ein Signal auf der Weltbühne, dass sich die Gewichte verschieben. Die Europäer und Amerikaner haben nicht mehr das alleinige Sagen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 14.3.2013)

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