Franziskus - Argentinier und Italiener zugleich

Porträt13. März 2013, 22:52
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Der neue Papst wird beispielhaft sein und gleichzeitig Kontroversen auslösen. Er gilt als extrem bescheiden und als Anwalt der Armen. Auf der anderen Seite wird ihm eine zu große Nähe zur Militärdiktatur der Siebzigerjahre in Argentinien nachgesagt

Im Konklave 2005 war er drei Wahlgänge lang der Konkurrent des später gewählten Joseph Ratzinger gewesen. Zehn Stimmen hatte er (laut geheimen Aufzeichnungen  eines Kardinals) im ersten Wahlgang erhalten, 35 im zweiten und 40 im dritten. Jorge Mario Kardinal Bergoglio galt vor acht Jahren schon im Vorfeld der Papstwahl als einer der Favoriten. Diesmal wurde nicht mit ihm gerechnet, obwohl er zwei Karten ziehen konnte – der erste amerikanische Papst der Geschichte zu werden, gleichzeitig aber die italienische Papsttradition fortzusetzen. Bergoglio hat neben der argentinischen auch die italienische Staatsbürgerschaft.

Zwei Aspekte, warum er diesmal nicht zu den Favoriten zählte: 1. Es gibt eine ungeschriebene Regel, wonach auf einen alten Papst ein junger folgt – will heißen, einer, der noch nicht 70 ist. Das wurde durchbrochen.

Zweiter Grund: Bergoglio, der als unpolitisch gilt, wurde immer schon vorgeworfen, er habe sich als Provinzial des Jesuitenordens (1973-1979) nie deutlich von der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) distanziert.

Wenige Monate nach dem Konklave von 2005 warf ihm der Menschenrechtsanwalt Marcelo Perrili vor, 1976 in das Verschwinden der als politische Theologen bekannten Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio verwickelt gewesen zu sein. Nach ihrer Freilassung behaupteten sie gegenüber dem Jesuitengeneral Pedro Arrupe in Rom, sie seien von Bergoglio denunziert worden. Auf Veranlassung Bergoglios wurden sie daraufhin aus dem Orden ausgeschlossen.

Der neue Papst, der am 17. Dezember 1936 in eine italienische Einwandererfamilie in Buenos Aires geboren wurde und bereits 1958 dem Jesuitenorden beitrat, gilt gleichzeitig als ein Gegenentwurf zum polnischen Papst Karol Wojtyla: wortkarg, medienscheu und extrem bescheiden. Beispielsweise wohnte er (bis zur Wahl) in einem schlichten Appartement und nicht im Bischofspalast von Buenos Aires. Er zieht öffentliche Verkehrsmittel vor und redet gerne wildfremde Menschen an.

Bergoglio, der nach eigener Aussage Shakespeare und Dostojewski liebt, spricht Spanisch, Italienisch, aber auch Deutsch. Angeblich kein Englisch.

Studium in Deutschland

Nach seiner Tätigkeit als Chef der Jesuiten von Argentinien fungierte er als Rektor einer theologischen Fakultät (1980 bis 1986) und arbeitete anschließend ein Jahr lang an seiner Dissertation in Deutschland.

1992 wurde er Weihbischof, 1998 Erzbischof von Buenos Aires, 2001 wurde er in das Kardinalskollegium aufgenommen.

Dass ein Jesuit Papst wurde, ist als Überraschung zu werten. Der imV orjahr verstorbene ehemalige Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Martini, hatte als Reformer und Jesuit mit den Widerständen gegen den Orden zu kämpfen. Martini galt vor allem bei den Papstwahlen 1978 und 1979 als einer der Favoriten.

Bergoglio hat zweifellos ein sehr distanziertes Verhältnis zur römischen Kurie. Nahezu alle Kardinäle sind in irgendeiner Weise eingebunden und Mitglieder von Kongregationen. Bergoglio ist es für jene, die generell den Klerus kontrolliert, und für jene, welche Gottesdienst- und Liturgiefragen berät. Diese Arbeit beschränkt sich jedoch auf das Studium von Dokumenten und nur wenige Rom-Reisen.

Wenn der neue Papst seinen eigenen Lebenswandel in den Vatikan überträgt, dürften von ihm starke soziale Signale ausgehen. Die Wahl des Papstnamens Franziskus ist (wenn damit tatsächlich Franz von Assisi gemeint ist) als dramatische Geste zu werten.

Die Kardinäle müssen sich bei ihrer Entscheidung die Facetten der Persönlichkeit des neuen Papstes gut überlegt haben. Denn die bis heute nicht widerlegten Vorwürfe einer angeblichen Nähe zu den Generälen der Militärdiktatur könnten sich rasch als Belastung nicht nur für das Amt, sondern auch für die Weltkirche herausstellen. Die Sensation als Risiko. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 14.3.2013)

  • Jorge Mario Bergoglio im Jahr 1973 als junger Priester.
    foto: ap

    Jorge Mario Bergoglio im Jahr 1973 als junger Priester.

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