Franziskus: Jorge Bergoglio aus Argentinien ist neuer Papst

14. März 2013, 10:20
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Das Konklave sorgt für eine Riesenüberraschung. Erstmals in der Kirchengeschichte wählte das Konklave einen Lateinamerikaner zum Oberhaupt der Katholischen Kirche

Als sich um 20.15 Uhr das Tor zur Loggia des Petersdoms öffnete, hatte die Spannung unter den 100.000 Gläubigen am Petersplatz einen Höhepunkt erreicht. Doch dann setzte Schweigen ein. Mit dem Namen des neuen Pontifex konnte die Menge nichts anfangen: Jorge Mario Bergoglio. Der neue Pontifex aus Argentinien stand verlegen auf der Loggia – sichtlich belastet von der Bürde seines Amtes.

"Brüder und Schwestern, guten Abend", begrüßte der Erzbischof von Buenos Aires die versammelten Menschen. "Das Konklave hatte die Aufgabe, den neuen Bischof Roms zu bestellen. Und sie hat ihn am Ende der Welt gesucht." Dann bat er die Gläubigen: "Gebt mir mit einem stillen Gebet euren Segen."

Der Auftritt Bergoglios dauerte nur wenige Minuten und war nach Überzeugung des Vatikanexperten Alberto Melloni eine Lehrstunde der Theologie: "Dass er den Mut hatte, den Namen Franziskus zu wählen, ist gleichsam ein Programm. Er hat sich für den Heiligen der Armen entschieden", kommentierte er unter Verweis auf den Heiligen Franziskus von Assisi (1181/82–1226). Mit Bergoglio besteigt nicht nur erstmals ein Lateinamerikaner den Papstthron, sondern vor allem ein auf Nähe zum Volk bedachter Seelsorger, der beim Konklave 2005 nach Joseph Ratzinger die meisten Stimmen erhalten hatte.

Diesmal hatte niemand Bergoglio auf der Rechnung. In den Prognosen und Spekulationen spielte der bescheidene Argentinier keine Rolle. Als Favoriten galten der Italiener Angelo Scola und der Brasilianer Odilio Scherer, allenfalls auch der Kanadier Marc Ouellet und der US-Amerikaner Timothy Dolan.

Stimmung wie im Stadion

Trotz starken Regens und kühler Temperaturen hatten sich bereits zu Mittag Tausende auf dem Petersplatz eingefunden. Kurz vor 12 Uhr ging ein Raunen der Enttäuschung durch die Menge, als schwarzer Rauch sichtbar wurde. Sieben Stunden später war die Menge beträchtlich angewachsen. Als der anfänglich dunkle Rauch über dem Dach der Sixtinischen Kapelle heller wurde, brach Jubel aus. Doch um den Namen des Auserwählten zu erfahren, musste sich die Menge noch eine Stunde lang gedulden. Die Stimmung glich zeitweise der in einem Fußballstadion.

Unterdessen musste der soeben Gewählte in der Sixtinischen Kapelle seinen Namen wählen. Dann wurde er in die "Stanza delle Lacrime" (Tränenzimmer) geführt und mit der weißen Soutane des Kirchenoberhaupts eingekleidet. Nach einem stillen Gebet in der Paulinischen Kapelle geleitete Protodiakon Jean-Louis Tauran den neuen Oberhirten auf den Balkon des Petersdomes.

"Revolution"

Nach Auffassung italienischer Vatikanexperten kommt die Wahl einer "Revolution" gleich. Der Jesuit, der in Buenos Aires stets öffentliche Verkehrsmittel nützt, statt sich chauffieren zu lassen, sei "genau der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt", so Melloni.

Der erste Jesuit auf dem Papstthron wird zunächst für einige Wochen eine Wohnung in der Casa Santa Marta beziehen. Wenn die Renovierungsarbeiten in den päpstlichen Gemächern abgeschlossen sind, übersiedelt er in den Apostolischen Palast.

Bereits am Donnerstag wird Franziskus den Vatikan erstmals verlassen – zum Gebet in der Basilika Santa Maria Maggiore. Am Freitag empfängt er die Kardinäle, am Samstag ausgewählte Journalisten. Am Dienstag feiert er seine erste Papstmesse. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Franziskus I. zu Ostern mit seinem Vorgänger Benedikt XVI. trifft, der die Papstwahl in der Sommerresidenz von Castel Gandolfo am Fersehschirm verfolgte. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 14.3.2013)

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