Ein Jesuit aus Lateinamerika soll die Skandale aufarbeiten

Analyse13. März 2013, 20:52
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Der neue Papst Franziskus wandte sich am Petersplatz in Rom sofort an die Menschen - In seinem Amt wird er sich zuerst der Aufarbeitung interner Skandale widmen müssen

Spätestens in dem Moment, in dem Jorge Bergoglio alias Franziskus am Abend des 13. März auf die Benediktionsloggia trat, wurde dem Ex-Erzbischof von Buenos Aires wohl klar, welche Erwartungen in ihn gesetzt werden. Ein neuer Papst, eine neue Chance für die römisch-katholische Kirche. Die Kardinäle wählten einen, der nie unter den Favoriten war. Seine ihm nachgesagte Nähe zur argentinischen Militärjunta war sein großer Hemmschuh und der Hauptgrund dafür, dass er nicht zum Favoritenkreis gezählt wurde.

Jorge Bergoglio gilt als volksnah und bescheiden, aber konservativ. Dem Kind italienischer Einwanderer wird nachgesagt, dass er selbst im Supermarkt einkauft und kein Auto besitzt. Dass er als Jesuit gerade den Namen Franziskus gewählt hat, ist wohl ein Zeichen dafür, dass er seinem Amt nicht den Stempel der intellektuellen jesuitischen Strenge aufdrücken möchte. Und der Heilige Franziskus hat mit seinem Bettelorden eine neue Richtung in der damaligen Kirche eingeschlagen. Bergoglio wird zumindest die massive Durchsetzungskraft attestiert, die dafür nötig ist, so eine "Richtungsänderung" auch im Jahr 2013 zu versuchen.

Das große, erste und schwierigste Aufgabenfeld für den neuen Pontifex wird aber keineswegs darin liegen, Zeitgeistthemen des westlichen Kirchenvolks zu diskutieren und dort Änderungen voranzutreiben. Die großen Herausforderungen für Franziskus liegen innerhalb der Mauern des Vatikans. So ist die Vatileaks-Affäre noch keineswegs aufgearbeitet. Man kann nur vermuten, dass Vatileaks auch in der Auswahl des neuen Papstes eine Rolle gespielt hat. Vielleicht konnten sogar einige Favoriten, nachdem die Untersuchungsergebnisse der Kommission den Kardinälen mitgeteilt wurden, ausgeschlossen werden, weil sie verwickelt waren in Intrigen und Korruption.

Auf alle Fälle wird der Neue die Kurie, die "Regierung" der römisch-katholischen Kirche, mit dem Reisbesen durchforsten müssen. Machtpositionen korrumpieren, egal in welcher Regierung. Erst wenn er wieder etwas Ruhe in den Vatikan gebracht hat, kann er sich anderen Themen zuwenden. Und das wird dieser Papst nicht alleine und nicht mit dem jahrhundertealten monarchistischen und absolutistischen Ansatz machen können. Eine Dezentralisierung der römisch-katholischen Kirche steht schon lange aus. Ein Lateinamerikaner wird das vielleicht erkennen. Das heterogene Kirchenvolk auf der ganzen Welt kann nicht auf ewig von Rom aus zentralistisch gelenkt werden.

Und die "Zeitgeistthemen"? Zölibat? Wird dieser Papst zumindest auf seine Agenda nehmen müssen. Er kann die Augen vor dem Priestermangel in Europa und den USA nicht länger verschließen. Andere kleine Zeichen der Öffnung kann man von diesem Pontifex vielleicht erwarten. Die große Kirchenöffnung steht jedenfalls nicht bevor. Die Aufarbeitung der weltweiten Missbrauchsskandale würde einem Franziskus aber wohl gut anstehen. Die österreichische Pfarrerinitaitive wird ihre Daseinsberechtigung aber so schnell nicht verlieren. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 13.3.2013)

  • Papst Franziskus I. am Balkon der Peterskirche.
    foto: ap/borgia

    Papst Franziskus I. am Balkon der Peterskirche.

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