Kirche modern

13. März 2013, 18:59
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Wer im Fernsehen die Eröffnung des Konklaves gesehen hat, konnte nicht umhin, von der Aura des uralten Rituals beeindruckt zu sein

Der neue Papst, sagen alle, muss die katholische Kirche modernisieren. Ja, das muss er wohl. Aber was genau soll modernisiert werden? Und was nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander, unter Gläubigen wie unter interessierten Beobachtern von außen.

Wer im Fernsehen die Eröffnung des Konklaves gesehen hat, konnte nicht umhin, von der Aura des uralten Rituals beeindruckt zu sein. Die Sixtina. Der Einzug der Kardinäle in ihren roten Soutanen, die an das Blut der Märtyrer erinnern sollen. Das "Veni Creator Spiritus", eine der ältesten Hymnen der Kirche. Das geschlossene Tor. Und das Warten auf den weißen Rauch. Modern ist das alles wirklich nicht.

Sollte man diese in Jahrhunderten überkommenen Bräuche der heutigen Zeit anpassen? Eine Wahl in modernem Rahmen? Herren (oder Herren und Damen) im Businesslook, elektronische Stimmabgabe. Und anschließend eine Pressekonferenz mit Powerpoint-Präsentation. Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen jetzt unsere operativen Vorhaben darlegen. Und dann bitte ich um Ihre Fragen ...

Gewiss, das sind Äußerlichkeiten. Aber gerade im Bereich des Religiösen sind die Grenzen zwischen Inhalt und Form oft gar nicht so leicht auszumachen. Gelegentlich haben Kirchenleute versucht, sich modern zu geben - nicht immer mit dem gewünschten Erfolg: der Papst auf Twitter; Kapläne in der Disco; Gottesdienste mit Esoterik-Anleihen. Nicht nur konservative Hardliner fanden derlei oft eher peinlich als zeitnah.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die großen Erfolgsgeschichten der katholischen Kirche meistens darin bestanden, dass in einem bestimmten historischen Moment die richtigen Antworten auf die Nöte der Zeit gefunden wurden. Manchmal lagen diese "im Trend", aber manchmal bestanden sie gerade nicht darin, dem Zeitgeist zu folgen, sondern einen ganz anderen, oft den entgegengesetzten, Weg zu gehen.

Die Ordensgründungen geben Zeugnis davon. Benediktiner, Franziskaner, Jesuiten, Vinzentinerinnen - jede dieser Gründungen, die sofort einschlugen und Einfluss gewannen, war die christliche Antwort auf drängende Probleme ihrer jeweiligen Epoche. Es ging um Armut und Unwissenheit, Kriegsfolgen, Sklaverei, gesellschaftliche Veränderungen. Und oft kamen die Antworten auch nicht von der Kirchenleitung, sondern von der Basis.

In der jüngsten Zeit hat es die Amtskirche nicht geschafft, auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren - von der Frauenemanzipation und der sexuellen Revolution bis zur Globalisierung der Wirtschaft. Aber im Kirchenvolk ist das Sensorium dafür nach wie vor vorhanden und auch der Wille, danach zu handeln. Jüngstes Beispiel: Im Fall des Flüchtlingsprotests in der Votivkirche waren Caritas und Diakonie die wichtigsten Akteure.

Ob dieser Geist - der Heilige Geist oder der Geist der Geschichte - auch bei den Beratungen der Kardinäle in Rom seine Rolle spielte? Es geht dabei um Relevanz, nicht nur um Modernisierung. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 14.3.2013)

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