Kaske: "Den Hang zur Mieselsucht teile ich nicht"

Interview13. März 2013, 18:29
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Der neue Arbeiterkammer-Chef Rudolf Kaske über Kraftproben in Küchen, Doppelpässe mit der SPÖ und den trügerischen Europameistertitel bei den Arbeitslosen

STANDARD: Was haben Sie sich zur Feier Ihrer Kür zum Arbeiterkammer-Präsidenten gekocht?

Kaske: Nichts, muss ich zu meiner Schande gestehen, weil es die Zeit nicht erlaubt hat. Ich werde das nachholen. Da man aber ehrlich sein soll: Die täglichen Mahlzeiten macht auch an normalen Tagen meine Frau. Kommen jedoch Gäste, koche ausschließlich ich.

STANDARD: Sie haben sich diese Kunst also aus Ihrer Zeit als Küchenlehrling bewahrt?

Kaske: Ja. Kochen ist meine Leidenschaft, die mit der einen oder anderen Auszeichnung bei Berufswettbewerben honoriert wurde. Ich hatte auch Angebote, Lokale zu übernehmen, etwa von heimwehgeplagten Österreichern in meiner zweiten Heimat Cran Canaria. Die Gewerkschaftskarriere wollte ich aber nie opfern.

STANDARD: Was gab für Ihr Engagement seinerzeit den Anstoß?

Kaske: Der strenge Personalchef im Hotel Intercontinental, ein Bundesheeroberst der Reserve. Ständig wollte der die Lehrlinge zum Haareschneiden vergattern, was in den Siebzigern großen Widerwillen ausgelöst hat. Ich wurde Jugendvertrauensrat, der Legende nach der erste Österreichs - ob das stimmt, weiß ich selbst nicht. Mein erster gewerkschaftlicher Erfolg waren Haarnetze in der Küche statt Friseurzwang.

STANDARD: Bekannt wurden Sie dann doch im Wirtshaus und zwar mit für Sozialpartner untypischem Aktionismus. Auch eine Legende?

Kaske: Nein. Damals, Ende der Neunziger, ging es gegen Nulllohnrunden und für die Fünf-Tage-Woche. Zum Beispiel haben wir in Salzburg das Gasthaus eines ÖVP-Abgeordneten besetzt. Die Wirtin fürchtete, wir schlagen alles kurz und klein, doch tatsächlich haben wir uns normal an die Tische gesetzt, Mineralwasser bestellt, Kochhüte aufgesetzt - und sind stundenlang sitzen geblieben. Ein Tiroler Wirtshaus haben wir mit einer Wagenburg umstellt, sodass ein Bediensteter hyperventiliert hat: "Ihr Hunde, ihr! Seit 100 Jahr' hat's im Zillertal koa Demonschtration gegeben." Unsere Ziele haben wir aber erreicht.

STANDARD: Braucht die AK auch mehr aktionistischen Pfeffer?

Kaske: Ich war bereits aktionistisch unterwegs. Beim letzten Fahrplanwechsel der ÖBB im Dezember habe ich am Bahnhof Praterstern neue Pläne ausgeteilt. Die Arbeiterkammer ist schon jetzt gut aufgestellt.

STANDARD: Soll sich denn gar nichts ändern? Ihre Prioritäten sind altbekannte Dauerbrenner.

Kaske: Weil Politik das Bohren harter Bretter ist. Da sind noch einige Forderungen offen.

STANDARD: Sie meinen wohl die Vermögenssteuer. Ab welchem Vermögen soll die zu zahlen sein?

Kaske: Die Euromillionäre sollen ihren Beitrag fürs Land leisten. Warum? Weil wir mehr Geld fürs Bildungssystem, für Forschung und Entwicklung, für Pflege und Kinderbetreuung brauchen ...

STANDARD: ... und eine Steuersenkung wollen Sie auch. Ist es nicht unseriös, so zu tun, als gäbe es da ein unerschöpfliches Füllhorn?

Kaske: Abgesehen von den 1,5 Milliarden aus der Vermögenssteuer soll ja auch eine Steuer für Erbschaften ab 300.000 Euro etwas bringen. Wichtig ist natürlich ebenso, dass es eine hohe Beschäftigung gibt und dadurch die Steuereinnahmen sprudeln.

STANDARD: Ob man jetzt dafür ist oder nicht: Ist es nicht bedenklich, dass die Arbeiterkammer mit Pflichtbeiträgen eine politische Kampagne im Doppelpass mit der SPÖ finanziert?

Kaske: Arbeit ist hoch besteuert, Vermögen niedrig - das ist schlicht und einfach ungerecht. Deshalb fahren wir die Kampagne, die auch die "schwarzen" Fraktionen und die Kammern in Tirol und Vorarlberg mitbeschlossen haben. Unsere sozialdemokratische Kollegen in Vorarlberg klagen nicht ohne Grund, dass die Christgewerkschafter kaum Platz lassen, sie links zu überholen.

STANDARD: Zu schwarz-blauen Zeiten haben sie vor einer brennenden Republik gewarnt, wenn das "Heer der Arbeitslosen" marschiere. Heute gibt es noch viel mehr Leute ohne Job. Kein Aufschrei diesmal?

Kaske: Damals habe ich in einem Klima der sozialen Kälte befürchtet, dass es brennende Vororte wie in Paris oder anderen Eskalationen geben könnte. Gott sei Dank kam es nie so weit. Der Unterschied ist heute, dass die Regierung mit Unterstützung der Sozialpartner auf eine globale Krise hervorragend reagiert hat - mit Kurzarbeit, der Jugendausbildungsgarantie, einer guten Dotierung des AMS. Natürlich können wir uns von der europäischen Konjunktur nicht abkoppeln, und kein Arbeitsloser hat etwas davon, dass wir mit unserer Quote Europameister sind. Aber den bei uns recht weitverbreiteten Hang zur Mieselsucht, die alles für schlecht hält, teile ich nicht.

STANDARD: Jeder fünfte Lehrling scheitert bei der Abschlussprüfung. Das von den Sozialpartnern gelobte "Erfolgsmodell" schwächelt.

Kaske: In Kindergärten und Pflichtschulen muss stärker investiert werden als in der Vergangenheit - und auch die Jugendlichen müssen im Sinne des lebenslangen Lernens mehr tun. Aber es ist auch so, dass sehr viele Betriebe nichts für Aus- und Weiterbildung machen. Da hapert es an der Qualität und der Praxis. Wer etwa, so wie ich, Koch lernt, muss zum Beispiel eine Suppe zubereiten können. Ich will niemanden anschwärzen, kenne aber viele Betriebe, wo die Suppe vom Würfel kommt und der Kaiserschmarrn aus der Packung - was Sie verlässlich an den exakt viereckigen Stücken erkennen. Wie soll ein Lehrling bei der Prüfung etwas richtig können, was er nie geübt hat?

STANDARD: Womit wir wieder beim Kochen sind: Wie halten Sie im Gegensatz zu vielen Ihrer Funktionärskollegen ihr Idealgewicht?

Kaske: Ich will meiner Branche jetzt nicht schaden, aber Alkohol schmeckt mir einfach nicht - maximal stoße ich mit einem Fingerbreit Rotwein ab. Ansonsten: Disziplin. Es soll ja Menschen geben, die sich nach Stress belohnen, indem sie um zehn Uhr abends vor oder fast schon im Kühlschrank sitzen - das ist deren Opium. Den Genuss zu zügeln, ist auch für mich ein schweres Unterfangen. (Gerald John, DER STANDARD, 14.3.2013)

Rudolf Kaske (57), geboren in Wien und SPÖ-Mitglied, leitete ab 1995 die Gewerkschaft für Hotel- und Gastgewerbe, ab 2006 die Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft Vida. Am Dienstag wurde er zum Arbeiterkammer-Präsidenten gewählt.

  • Seine Karriere in der Gewerkschaft startete Rudolf Kaske als Lehrling in einer Hotelküche: "Mein erster Erfolg waren Haarnetze statt des Zwangs, zum Friseur zu gehen."
    foto: standard/urban

    Seine Karriere in der Gewerkschaft startete Rudolf Kaske als Lehrling in einer Hotelküche: "Mein erster Erfolg waren Haarnetze statt des Zwangs, zum Friseur zu gehen."

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