Krankgeschriebener Brite nach Heldentat im Urlaub entlassen

13. März 2013, 19:39
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Hitzige Debatte über Sozialsystem in Großbritannien

Im Jänner machte Paul Marshallsea zum ersten Mal in seinem Leben Schlagzeilen. Beim Urlaub am Strand in Australien entdeckte der 62-Jährige einen Hai, der auf ein spielendes Kind zuschwamm. Kurz entschlossen sprang der Leiter eines Jugendklubs ins Wasser und schubste es aus der Gefahrenzone.

Jetzt steht er wieder in allen britischen Zeitungen, diesmal als Beispiel für Drückebergerei: Zur Zeit seiner Heldentat war Marshallsea wegen angeblicher Stresssymptome für zwei Monate krankgeschrieben – sein Arbeitgeber hat ihn jetzt wegen des Australientrips gefeuert.

Sympathie hält sich in Grenzen

Marshallsea selbst findet seine Entlassung "abscheulich", in den Medien und auf sozialen Netzwerken hält sich die Sympathie in Grenzen. Der Fall spielt der konservativ-liberalen Koalition unter Premier David Cameron in die Hände bei der heftigen Auseinandersetzung um die Sozialreform. Nach deutschem Vorbild ("Hartz IV") werden im Herbst Arbeits- und Sozialhilfe zusammengelegt.

Für Langzeitarbeitslose gibt es einerseits Anreize, andererseits aber auch die Drohung, die staatliche Hilfe bei Arbeitsverweigerung zu kürzen. Zukünftig erhält ein Haushalt mit arbeitsfähigen Erwachsenen höchstens insgesamt 30.000 Euro pro Jahr, Sozialhilfe, Wohn- und Kindergeld schon eingerechnet.

Debatte über Sozialfürsorge

"Arbeit muss sich wieder lohnen", findet der zuständige Sozialminister Iain Duncan Smith. "Wir wollen Leute aus dem endlosen Kreislauf von Wohlfahrtszuwendungen befreien." Insgesamt sollen Zahlungen an sozial Schwache für drei Jahre lang nur noch um ein Prozent jährlich wachsen. Bisher stiegen die Sozialausgaben mindestens mit der Inflationsrate (derzeit 2,7 Prozent), in diesem Jahr aber sogar um 5,2 Prozent.

Mit der Debatte über Sozialfürsorge in Zeiten hoher Verschuldung stößt die Regierung auf Zustimmung. Dem Forschungsprojekt British Social Attitudes zufolge, das seit 30 Jahren die Einstellung der Briten abfragt, nimmt die Begeisterung für Wohlfahrtsstaat von Generation zu Generation ab.

Während in den 1980er-Jahren etwa ein Drittel der Briten das Arbeitslosengeld zu hoch fand, liegt der Anteil mittlerweile bei mehr als der Hälfte. Gerade unter Jüngeren gelten Arbeitslose schnell als Drückeberger. In einer aktuellen Umfrage für den linksliberalen Guardian gaben 47 Prozent der un ter 34-Jährigen an, Arbeitslose seien "größtenteils eher Faulpelze als Unglücksraben". Das Klima für sozial Schwache wird also härter. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 14.3.2013)

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