Das Wiener Sacher und die illegalen 90.000 Euro Trinkgeld

13. März 2013, 08:25
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Prozess gegen 36-Jährige, die als Teil einer Kellnergruppe Kaffee im Edellokal schwarz verkauft haben soll

Wien - Eines kann man nach dem Prozess gegen Monika S. am Wiener Straflandesgericht sagen: Die Prioritäten der Mitarbeiterkontrolle im " Sacher Eck", einer Dependance des Hotels in der Innenstadt, waren in der Vergangenheit - nun ja - interessant. Oder, wie es Richter Thomas Spreitzer ausdrückt: "Man vertraut den Kellnern zwar das ganze Geld an, aber vertraut ihnen nicht, selbstbestimmt Kaffee trinken zu können."

Das Verfahren gegen die 36-jährige Kellnerin ist aus mehreren Gründen kurios. Vorgeworfen wird ihr, gemeinsam mit neun anderen Mitarbeitern des Lokals für mehr Getränke kassiert zu haben als sie abrechneten.

Angeklagte leugnet

Die neun anderen haben nach Auffliegen der Affäre im Sommer 2011 gestanden, den Schaden gutgemacht und ihre Verfahren wegen Untreue wurden eingestellt. Auch S. hat ursprünglich den ermittelnden Detektiven des Hotels ihre Beteiligung eingestanden, das aber widerrufen. Sie wollte es auf einen Prozess ankommen lassen. Der für sie mit einem Freispruch endete - aber von der nächsten Instanz aufgehoben wurde.

So sitzt sie am Dienstag wieder auf dem Anklagestuhl und leugnet, etwas von den Malversationen gewusst zu haben, als sie im "Sacher Eck" als Buffetkraft gearbeitet hat. Der Trick, laut Anklage: Die Kellner haben den Damen hinter der Schank manchmal Bestellungen zugerufen, dafür aber keine Bons abgegeben, wie es vorgeschrieben war. Dieses Geld steckten sie dann privat ein.

"Es war manchmal so ein Stress, dass ich nicht geschaut habe, ob es einen Bon gibt", sagt die Frau. "Teilweise haben sich die Kellner auch selbst den Kaffee gemacht", verteidigt sie sich. Aber von einem abgekarteten Spiel habe sie nichts gewusst. Dem widersprechen ihre Kollegen: Sie sei eingeweiht gewesen.

System macht Schadensermittlung unmöglich

Das Interessante: Das Kassensystem macht eine Schadensermittlung unmöglich. Bildlich ausgedrückt verfügten alle Angestellten nur über eine einzige große Kellnerbrieftasche. Wer welche Bestellungen aufnahm und wie abrechnete, lässt sich nicht rekonstruieren. Das Trinkgeld wurde brüder- und schwesterlich geteilt. Praktischerweise erledigten die Kellner auch gleich Abrechnung und Inventur selbst.

"Aber da muss es doch große Fehlbestände im Lager gegeben haben?", fragt Richter Spreitzer eine Hotelverantwortliche als Zeugin. Immerhin sollen laut Anklage geschätzte 90.000 Euro in eineinhalb Jahren verschwunden sein. Die Gefragte weiß keine Antwort. Sie sei zwar bis zu viermal täglich im Lokal gewesen, habe aber nur Anwesenheit und Gästezufriedenheit kontrolliert.

Geldstrafe von 1080 Euro

Überprüft wurde auch, ob sich Angestellte, die in ihrer Freizeit im Lokal saßen, dafür die Erlaubnis des Vorgesetzten hatten - der Sinn der Vorschrift erschließt sich nicht. Angeklagter Monika S. fehlte die Genehmigung einmal - als sie hastig aufbrach, wurde die Hoteldetektivin misstrauisch und deckte durch Zufall die Sache auf.

Richter Spreitzer verurteilt die Angeklagte zu einer, nicht rechtskräftigen, Geldstrafe von 1080 Euro. Er ist überzeugt, dass sie Teil des Systems war, der Schaden lässt sich nicht nachweisen. (moe, DER STANDARD, 13.3.2013)

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