Mit der eigenen Vergänglichkeit auf Du und Du

Ansichtssache13. März 2013, 05:30
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Die Ausstellung gibt aufregende Einblicke in das Werden und Vergehen menschlicher Körper - mit Nebenwirkungen

Diesmal fängt die Schau wirklich mit dem Beginn an - dem Beginn des Lebens nämlich. Als 1999 die "Körperwelten"-Ausstellung zum ersten Mal in Wien - damals noch am Messegelände - Station machte, waren die nicht wirklich schön anzusehenden plastinierten Embryos ganz am Ende platziert. 14 Jahre später werden sie im Naturhistorischen Museum Wien am Beginn der neuen Ausstellung präsentiert, bei der es thematisch schließlich auch um den "Zyklus des Lebens" geht.

Auf insgesamt 700 Quadratmetern und in 200 Exponaten gibt die spektakuläre Schau die erwartet tiefen Einblicke in die menschliche Anatomie, konkret: in die Entwicklung des menschlichen Körpers und die Prozesse des Alterns. Das "Material" für die Exponate stammt samt und sonders von freiwilligen Spendern, die sich post mortem auf diese Weise verewigten.

Körperliche Selbsterkenntnis

In diesen Ausstellungsobjekten "erkennen sich die Menschen selbst, wie nie zuvor", sagt Angelina Whalley, die Kuratorin der Ausstellung anlässlich der Eröffnung. Die studierte Medizinerin ist seit 1992 mit Gunther von Hagens verheiratet, der 1977 das Verfahren der Plastination erfand - und damit eine Weltkarriere machte. Bisher haben mehr als 36 Millionen Menschen die von ihm kunstvoll konservierten Leichen gesehen.

Seither wurde die Methode ständig weiterentwickelt, wie Whalley erklärte, die aufgrund der Parkinson-Erkrankung ihres Gatten mittlerweile das Institut für Plastination in Heidelberg leitet. Deshalb sei es nun auch möglich, die Präparate in noch "lebensnäheren Posen" zu zeigen. So kann man diesmal einen Balletttänzer beim Spitzentanz sehen, eine Bogenschützin beim Abschießen eines Pfeiles, einen Basketballer beim Dribbling oder einen Skispringer beim Fliegen.

Der volksbildnerische Wert solcher Objekte mag nicht allzu hoch sein, ein auch ästhetischer Blickfang sind sie allemal. Im Fokus der aktuellen Ausstellung stehen neben der kunstvoll inszenierten menschlichen Anatomie freilich die Veränderungen des Körpers, denen er altersbedingt unterworfen ist: Anhand etlicher Beispiele wird dokumentiert, wie der Körper auf gesundheitsschädliches Verhalten reagiert und wie ihn Krankheiten verändern.

So kann man sich etwa von einer Gehirnblutung, Verformungen der Wirbelsäule, dem augenscheinlichen Unterschied zwischen einer Raucherlunge und der eines Nichtrauchers ein Bild machen. Und auch die Vergleichsschnitte durch einen adipösen und einen normalen Körper sind eindrücklich.

Aufklärerische Wirkungen

Man nehme den eigenen Körper nach dem Besuch der Ausstellung anders wahr, behauptet Whalley, gestützt auf umfassende Besucherbefragungen. Aus langfristigen Untersuchungen wisse man, dass sich neun Prozent der Raucher unter den Besuchern dazu entschlossen haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Gar 30 Prozent würden seither stärker auf gesündere Ernährung achten. Die Zahlen mögen etwas hoch gegriffen sein. Aber die behauptete Wirkung der Ausstellung, die diesmal auch mit großzügigen Bild- und Textmaterial aufwartet, ist durchaus nachvollziehbar.

Das Ende der Ausstellung übrigens, für die 17 Euro Eintritt zu bezahlen sind, zeigt dann auch noch, wie es zum Anfang kommt: ein Paar bei der Kopulation. Das ist gewiss voyeuristisch. Aber auch an diesen Objekten und den Begleittexten kann man durchaus noch einiges dazulernen. (tasch, DER STANDARD, 13.03.2013)

Tiefe Einblicke in den Körper: Kuratorin und Medizinerin Angelina Whalley mit NHM-Direktor Christian Köberl, umgeben von drei plastinierten Leichen, die auch schon im James-Bond-Streifen "Casino Royale" einen kurzen Auftritt hatten.

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