Wer den Löwen erschießt, wird König der Tiere

12. März 2013, 18:24
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Robinsons Insel ist fast menschenleer, stattdessen tummeln sich hier zahlreiche Tiere - Eine Tagung untersucht die Rolle der animalischen Mitbewohner des schiffbrüchigen Engländers

Wenn Freitag kommt, ist der einsame Gestrandete nicht mehr alleine. So kennen wir alle die Geschichte von "Robinson Crusoe". Jedoch hat der Held aus Daniel Defoes 1719 erschienenem Roman auch reichlich Gesellschaft, bevor er den Eingeborenen trifft, den er auf den Namen Freitag tauft. Robinson ist nämlich umgeben von Tieren, die er jagt oder zähmt. Diesem Verhältnis zwischen dem berühmten Schiffbrüchigen und der Tierwelt der Insel widmet sich eine kulturwissenschaftliche Tagung in Wien unter dem Titel "Robinsons Tiere".

Dieser Beziehung wird aber nicht nur in Defoes Roman nachgegangen, sondern auch in anderen Robinson-Texten soll die Bedeutung der Tiere untersucht werden. Schließlich illustrieren die umfangreiche Wirkungsgeschichte des Romans zahlreiche Bearbeitungen des Stoffs namhafter Autoren wie Jules Verne, Hugo von Hofmannsthal und J. M. Coetzee oder des Filmregisseurs Luis Buñuel. "Man kann alle Robinson-Versionen besser verstehen, wenn man betrachtet, wie dort mit den Tieren umgegangen wird", sagt Roland Borgards. Der Würzburger Professor für Neuere Literaturwissenschaft hat die Tagung gemeinsam mit dem Literaturwissenschafter Alexander Kling organisiert. Laut Borgards lassen sich grundsätzlich Zeitströmungen an Robinsons Umgang mit den Tieren in den jeweiligen Texten ablesen.

Die Beherrschung der Natur

Deutsche Aufklärer im 18. Jahrhundert wie Johann Carl Wezel oder Joachim Heinrich Campe deuteten in ihren "Robinsonaden" ganz im Sinne der aufklärerischen Idee der Naturbeherrschung den Ausgangstext um und behandelten die Unterwerfung der Tiere. Ab dem 19. Jahrhundert wird bei Robinson-Texten auch der Ursprungstext selbst als Literatur thematisiert: In Jules Vernes Die Schule der Robinsons zum Beispiel wird der Schiffbruch von einem besorgten Onkel fingiert, um seinem Neffen die verklärte Vorstellung vom vermeintlich idyllischen Leben Robinson Crusoes auszutreiben. Auch der südafrikanische Autor J. M. Coetzee nahm auf solche Stereotypen in seinem 1986 erschienen Text Foe Bezug, um mithilfe des Robinsonstoffs Aspekte des Kolonialismus zu verhandeln.

Solche verschiedenen Interpretationen sind bereits im Ursprungstext angelegt: Laut Roland Borgards zeichnet Daniel Defoes Roman eine gewisse Widersprüchlichkeit aus: "Auf der einen Seite wird hier ein gelungener Zivilisationsprozess dargestellt. Auf der anderen Seite handelt der Roman von einem modernen Subjekt - einem auf sich allein gestellten Individuum, das sich gegen alle Widerstände durchsetzt, aber gleichzeitig auch auf andere Akteure angewiesen ist."

Die Tiere wiederum sind laut Borgards immer mit politischen Modellen verknüpft: Bevor Robinson beginnt, die Tiere durch Zähmung zu beherrschen, erschießt er einen Löwen - bekanntlich der König der Tiere.

Kämpfen gegen Wölfe

Und auch wenn er auf der Insel die Souveränität über die Tiere erlangt, muss Robinson, nachdem er am Schluss die Insel verlassen hat, mit Wölfen kämpfen. Laut Borgards nimmt hier Daniel Defoe Bezug auf seinen Landsmann, auf den Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der ein halbes Jahrhundert vorher seine Weltsicht mit einem Zitat von Plautus auf den Punkt brachte: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf."

Auch Friedrich Balke, Professor für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, sieht in Hobbes' Philosophie einen entscheidenden Bezugspunkt für die Interpretation des Robinson Crusoe. " Auf der Insel stößt Robinson auf wilde Tiere, die sich aber vor ihm fürchten, die er jagt, zähmt und züchtet. Mit Tieren als blutrünstigen Bestien ist er erst konfrontiert, als er sich auf den Weg zurück in die Zivilisation begibt. Hier trifft er auf die Wölfe, gegen die er sich regelrecht militärisch wehrt."

Man müsse laut Balke den Roman und das Verhältnis Robinsons zu den Inseltieren trotz der Kulisse fernab der bekannten Welt auch vor dem historischen Hintergrund eines von Staatsstreichen und Bürgerkriegen geprägten Englands deuten. In Defoes Roman herrsche der unzivilisierte Naturzustand im Sinne Hobbes, der "Krieg aller gegen alle", nämlich eben nicht auf der einsamen Insel, sondern in der europäischen Zivilisation.

Utopie einer Insel

"Robinson beginnt die Inseltiere erst dann zu zähmen, als ihm das Schießpulver ausgegangen ist", gibt Balke zu bedenken. So sei für Defoe die insulare Existenz ein vorbildhaftes Verhalten für das menschliche Leben. Balke: "Defoe zeigt hier das Leben des Puritaners unter Laborbedingungen: Arbeit und Frömmigkeit im Einklang mit der Natur werden als Ausweg gezeigt." Für Balke steht Defoes Text - eine "große Zivilisationsgeschichte im Kleinen" - in einer Traditionslinie mit Thomas Morus' Schrift Utopia.

Daher stellte Robinsons einsames Inseldasein für den Puritaner Daniel Defoe in einem englischen Zeitalter voller Gewalt und politischer Umbrüche vermutlich eher das Paradies als die Hölle dar: ein Leben in Arbeit und im Gebet fernab der unberechenbaren Gesellschaft im Kreise der tierischen Schöpfungen Gottes. Denn nach Defoe leben die Wölfe nicht in der einsamen Natur - sie sind mitten unter uns. (Johannes Lau, DER STANDARD, 13.03.2013)


"Robinsons Tiere". 14. März ab 14 Uhr sowie 15. März ab 9 Uhr. Im Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz (in Kooperation mit der Julius- Maximilians-Universität Würzburg) Reichsratsstraße 17, 1010 Wien.

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    Eine Robinson-Crusoe-Ausgabe für Kinder aus dem Jahr 1824. Der Gestrandete interagiert eher mit der Inselfauna als mit den Eingeborenen.

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