"Wir müssen die Qualitätsleiter hinaufsteigen"

12. März 2013, 17:57
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Eine "sanfte Industriepolitik" fordert Karl Aiginger, Chef des Wifo - und meint eine Politik, die sich nach den Bedürfnissen der Gesellschaft richtet und auch die Grundlagenforschung mehr unterstützt

STANDARD: Warum braucht man eine neue Industriepolitik? Ist die alte nicht gut genug?

Aiginger: Sie greift nicht mehr. Die Industrieproduktion im Westen ist infolge der Finanzkrise eingebrochen und hat sich seither nicht erholt. Im Gegenteil: Der Industrieanteil an der Wertschöpfung sinkt weiter und ist in Südeuropa mittlerweile halbiert, in Großbritannien ist er kleiner als der Anteil des Finanzsektors. Arbeitsplätze sind verlorengegangen. China ist die Industrienation Nummer eins geworden. Offensichtlich hat die vom Westen geführte Industriepolitik nicht gefruchtet. Spezifische Zweige, Dienstleistungen und Technologien können heute nicht mehr von oben verordnet werden, auch nicht künstlich am Leben erhalten werden. Der Staat muss verstehen, wo es eine industrielle Basis gibt und was die Gesellschaft braucht, und danach seine Politik ausrichten.

STANDARD: Was im Detail macht die neue Industriepolitik bedarfsorientierter?

Aiginger: Ich sagte dazu sanfte Industriepolitik. Eine Politik, die Trends analysiert, ehe sie Schwerpunkte verordnet, und auch das Umfeld mehr beachtet als bisher: Schulbildung, Hochschule, Innovation, Infrastruktur, Bevölkerungsstruktur. Da braucht man einen integrativen Ansatz, Industriepolitik muss auf bestgeschulten Arbeitskräften und einem innovativen Klima basieren. Die Frage sollte sein: Was muss man tun, um in einigen Jahren ein idealer Standort für die Schwerpunkte zu sein, die sich durch gesellschaftliche Entwicklungen ergeben? Welches Umfeld muss man schaffen? Am Beispiel Umwelt- oder Medizintechnik sieht man: Die Unternehmen gibt es ja, die Ausbildungsmöglichkeiten sind aber sicher noch ausbaufähig.

STANDARD: Sie sagen selbst, dass der Industrieanteil seit Jahren schrumpft. Warum wird die neue Politik erst jetzt propagiert?

Aiginger: Das Thema wird international seit der Finanzkrise diskutiert. Begonnen hat es in Ländern mit hohem Außenhandelsdefizit, also den USA und Frankreich. Mittlerweile hat die OECD einige Studien dazu durchgeführt, die EU gibt jedes Jahr Richtlinien heraus. In Österreich ist die neue Industriepolitik erst jetzt im öffentlichen Diskurs angekommen, weil hier zunächst kein großer Bedarf erkannt wurde, rasch etwas zu ändern. Der Industrieanteil ist hierzulande relativ stabil. Wir wissen aber: Die Konkurrenz durch Billiglohnländer steigt enorm. Wir müssen auf der Qualitätsleiter hinaufsteigen und vor allem die Ausbildung verbessern. Wenn ein Fünftel der Jugendlichen nicht lesen kann und bei der Lehrabschlussprüfung durchfällt, dann müssen die Alarmglocken läuten. Und wir brauchen mehr technische Fachkräfte anstatt neuer Friseure, davon gibt es genug.

STANDARD: Den Ruf nach mehr Fachkräften hört man oft. Was kann man konkret tun?

Aiginger: Man wird nicht darum herumkommen, starke Anreize für Zukunftsbereiche wie Umwelt- oder Medizintechnik zu schaffen. Das heißt, dass hier mehr Grundlagenforschung nötig ist, dass wir hier Forschungsschwerpunkte brauchen mit Top-Wissenschaftern, die eine erstklassige Ausbildung ermöglichen. Dann kann Know-how entstehen, eine Exzellenz, die auch zum Exporttreiber wird. Die neue Industriepolitik ist daher auch eine Innovations- und Bildungspolitik.

STANDARD: In der von Ihnen geforderten Grundlagenforschung stagnieren die Mittel seit Jahren. Woher soll unter diesen Voraussetzungen das Geld für mehr Grundlagenforschung kommen?

Aiginger: Erstens durch Umschichtungen in den öffentlichen Ausgaben von Verwaltung und Bürokratie. Im Bundesheer allein gibt es ein hohes Einsparungspotenzial. Derzeit ist das ein Selbstbedienungsladen. Und durch Mobilisierung privater Forschungsmittel. Stiftungen sollten Forschung fördern, nicht nur Steuern sparen. Es sind aber auch Schwerpunktbildungen notwendig, dort, wo es in Österreich erfolgreiche Ansätze gibt und die Gesellschaft ein langfristiges nachhaltiges Interesse hat. Die neue Industriepolitik darf keine isolierte Politik sein, sie geht in viele Bereiche hinein. Sie darf nicht sprunghaft sein und einmal für diesen Sektor und dann für einen anderen etwas machen, ohne die Zusammenhänge zu berücksichtigen. Das sind: mehr Qualifikation, mehr Innovationen, Unterstützung von Clustern und Schwerpunkte in der Grundlagenforschung.

STANDARD: Welche Rolle spielt im Konzept der neuen Industriepolitik die Migration?

Aiginger: Die Migration spielt eine zweifache Rolle. Auf der einen Seite sollte man versuchen, Spitzenkräfte nach Österreich zu bekommen, also die Green Card ausbauen. Da stelle ich mir zum Beispiel vor, dass Österreich ein Hajek-Stipendium vergibt - in Anlehnung an die Fulbright-Stipendien. Die besten Diplomanden und Dissertanten zum Beispiel aus Ost- und Zentraleuropa, aber auch aus dem Schwarzmeerraum und Nordafrika sollen in Österreich ein Stipendium erhalten, damit sie hier studieren. Wenn sie dann hierbleiben, dann haben wir mehr gut ausgebildete Fachkräfte. Wenn sie zurückgehen, sehe ich das auch nicht negativ. Dann haben wir Botschafter in den Ländern, die wachsen. Sie könnten heimische Firmen bei der Internationalisierung unterstützen.

STANDARD: Was schlagen Sie für weniger qualifizierte Migranten vor?

Aiginger: Die weniger qualifizierten Migranten müssten an der Weiterbildung teilnehmen und teilnehmen können wie Österreicher - das muss garantiert sein. Das tun sie momentan nicht, sie werden eher in Sonderschulen geschickt.

STANDARD: Momentan klingt das alles ein wenig nach frommen Wünschen.

Aiginger: Es gibt immer Megaprobleme, die irgendwann gelöst werden. Wir haben auch das Kindergartenproblem nach 30 Jahren gelöst, und die Forschungsquote, die immer zu niedrig war, ist mittlerweile die fünfthöchste. Also es ist nicht aussichtslos, mit der Devise: Steter Tropfen höhlt den Stein. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 13.03.2013)


Karl Aiginger (64) studierte an der Universität Wien und an der Purdue Unversity in Indiana, USA. Seit 1970 ist er am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung Wifo beschäftigt, seit 2005 leitet er es, seit 2012 koordiniert er auch ein EU-Projekt mit 32 Partnern, dessen Ziel ein neuer Wachstumspfad für Europa sein soll (wwwforeurope). Am Dienstag, dem 12. März, hielt er im Rahmen des BMVIT-Forums "Brauchen wir eine neue Industriepolitik?" den Einführungsvortrag.

  • Karl Aiginger: "Wenn ein Fünftel der Jugendlichen nicht lesen kann und bei der Lehrabschlussprüfung durchfällt, müssen die Alarmglocken läuten."
    foto: standard/corn

    Karl Aiginger: "Wenn ein Fünftel der Jugendlichen nicht lesen kann und bei der Lehrabschlussprüfung durchfällt, müssen die Alarmglocken läuten."

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