Vom Dinkel und der verlorenen Muttersprache

Glosse12. März 2013, 16:02
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Warum das Erlernen der deutschen Sprache keine absolute Priorität für Migrantenkinder haben sollte

Gdje si, Jaja?" – "Hallo, Jaja". So wurde ich von Serbokroatisch sprechenden Verwandten in meiner Kindheit begrüßt. Jaja - übersetzt bedeutet es Eier - symbolisiert den Verlust meiner Erstsprache, der sich schon in kurzen Gesprächen zeigte: Anstatt mit "da" zu bejahen, griff ich stets auf das mir vertrautere "Ja" zurück. Serbokroatisch, beziehungsweise Kroatisch, war eine Sprache, für die ich mich zu schämen, die ich möglichst von mir fernzuhalten hatte: im Kindergarten, in der Volksschule, zu Hause – bis sie nicht einmal mehr in Kroatien ihren Platz hatte.

Heute werde ich beinahe täglich für meine Deutschkenntnisse gelobt und die Tatsache, dass mein Kroatisch klingt „wie das Kroatisch einer Slowenin", wie mein Vater zu sagen pflegt, wird wohlwollend aufgenommen. Man ist offenbar erst so richtig integriert, wenn die Erstsprache vergessen ist.

Dialekt und Dinkel

Ich wuchs in Zillingdorf, einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich, auf. Meine Kindheit war davon geprägt, möglichst österreichisch sein zu wollen: Ich war fasziniert von Trachten und dem Dialekt meiner Umgebung. Das führte zuweilen zu eigenartig anmutenden Auswüchsen, sobald ich versuchte, dialektal zu sprechen: Mein "Gschert" klang (und klingt noch heute) so eigenartig wie Arnold Schwarzeneggers Englisch während seiner ersten Jahre in Amerika. Als ich vor einiger Zeit nach einem Zahnarztbesuch angeschwollene Backen hatte, fühlte ich mich an die Dialektversuche meiner Kindheit zurückerinnert: Man konnte mich verstehen. Das war es aber auch schon. Mit Dinkel verhielt es sich ähnlich: In einem Gespräch wurde klar, dass ich nicht wusste, was Dinkel ist. Sogleich fühlte ich mich entblößt. Nachdem mir erklärt wurde, worum es sich bei diesem ominösen Dinkel handelte, gab es für mich nur noch eines: Dinkelbrot. Es wurde zu meiner Lieblingsspeise, zum Mittelpunkt meines Getreidehorizonts. Poesiealben wurden mit Dinkel gestaltet und auch in Schulaufsätzen durfte nicht auf ihn vergessen werden.

Ein Tschusch in Niederösterreich

Jedoch ist mein Verhältnis zum Deutschen von mehr als Anekdoten geprägt – es zeichnete sich vor allem durch eine stete Abgrenzung vom Kroatischen aus. Eine Österreicherin zu sein und Deutsch zu sprechen, war für mich vor allem eines: keine Kroatin zu sein. Nach einem Sprachfehler und darauffolgenden logopädischen Übungen konnte ich das R zwar aussprechen, rollte es aber sehr stark, was von manchen als Akzent interpretiert wurde – ein mittelschwerer Weltuntergang für mich. Als mir Freunde sagten, ich hätte einen Akzent, brach ich in Tränen aus. Ich fühlte mich meines Deutsch – inzwischen die einzige Sprache, die ich zu Hause sprach – beraubt.

Seit meiner Kindheit stand fest, dass es nicht beides geben konnte. Man sprach entweder fließend Deutsch oder fließend Kroatisch, man konnte nicht Ćevapčići und Schnitzel mögen. Als mich ein anderes Kindergartenkind auf dem Weg nach Hause stets Tschusch nannte, verweigerte ich das Kroatische vollständig. Ich verstand es zwar, antwortete aber immer auf Deutsch.

Ich spreche Hrvatski

Die Wende kam doch. Irgendwann merkte ich, dass mein Englisch, später auch mein Französisch, besser war als die kroatischen Fetzen, die ich in unregelmäßigen Abständen von mir gab. Ich begann, mich für das Kroatische zu interessieren und inskribierte zusätzlich Slawistik. Die Aussprache, der Unterschied zwischen č und ć, sogar das Deklinieren bereiteten mir Probleme. Mein Kroatisch glich mehr einem slawisierten Deutsch als einer wirklichen Sprache – ich hatte meine Erstsprache erfolgreich verdrängt. Nach und nach lernte ich, zumindest einfache Sätze fehlerfrei zu bilden, selbst wenn sich zuweilen deutsche Wörter einschlichen. Das Sprachendurcheinander, das viele in meinem Deutsch befürchtet hatten, hatte sich seinen Platz im Kroatischen erschlichen.

Dobro je da pričaš

"Es ist gut, dass du sprichst" war eine der ersten Antworten meiner Kroatischlehrerin auf meine slawischen Gluckser. Sie erkannte den Wert einer Sprache, selbst wenn sie nicht einwandfrei beherrscht wurde – und brachte mir eine Einsicht. Natürlich soll der Stellenwert des Deutschen nicht in Abrede gestellt werden, allerdings ist von einer Integrationsdebatte, die vollständige Assimilation als Ziel darstellt, abzukehren. Immerhin stellt ein nicht verkrampfter Zugang zu Sprachen an sich eine wertvolle Basis für das Erlernen des Deutschen ohne gleichzeitige Ausgrenzung der Erstsprache dar – sei es durch muttersprachlichen Unterricht oder zumindest die Erkenntnis, dass Mehrsprachigkeit kein Defizit ist. Auch erspart man Kindern ein Aufwachsen zwischen zwei Welten: Sie müssen nicht Fleisch oder Fisch sein – es ist in Ordnung, wenn sie beides sind. Die Identitätskrisen, die durch solch ein sprachenbedingtes Spannungsfeld entstehen, sind nicht notwendig und in vielen Fällen der Integration, die weithin als höchstes zu erlangendes Gut für Migranten dargestellt wird, hinderlich.

Vor einiger Zeit fragte ich einen Studienkollegen, ob man mir noch einen Akzent anmerkt. "Selbstverständlich", erwiderte er, "du bist doch eine Deutsche, oder?". Hätte man meinem 10-jährigen Ich gesagt, dass es mir einmal gleich sein würde, ob man mich für eine Deutsche oder eine Kroatin hielte, ich hätte mit "Das ist ja gal nicht wahl" geantwortet. (Daniela Vukadin, 12.3.2013, daStandard.at)

  • Nachdem mir erklärt wurde, worum es sich bei diesem ominösen Dinkel handelte, gab es für mich nur noch eines: Dinkelbrot. Es wurde zu meiner Lieblingsspeise, zum Mittelpunkt meines Getreidehorizonts.
    foto: apa

    Nachdem mir erklärt wurde, worum es sich bei diesem ominösen Dinkel handelte, gab es für mich nur noch eines: Dinkelbrot. Es wurde zu meiner Lieblingsspeise, zum Mittelpunkt meines Getreidehorizonts.

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