Grönlandwale haben einen penisähnlichen "Heizstab" im Maul

24. März 2013, 20:28
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Forscher vermutet, dass die zweitschwersten Tiere der Welt mit diesem Organ ihre Temperatur regulieren

Hampden Sydney - Als einziger Bartenwal verbringt der Grönlandwal (Balaena mysticetus) das gesamte Jahr in arktischen Gewässern. Alles an ihm ist darauf angelegt, mit den niedrigen Wassertemperaturen fertigzuwerden. Möglicherweise ist er sogar zu gut daran angepasst, mutmaßt Alexander Werth vom Hampden-Sydney College (Virginia) im Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Werth glaubt im Walmaul ein bislang unbekanntes Organ gefunden zu haben, mit dem der Wal seine formidable Kälteanpassung bei Bedarf herunterregulieren kann. Erstaunlicherweise ähnelt es einem Penis.

Gut isoliert - vielleicht zu gut

Grönlandwale sind zwar nicht in Bezug auf die Länge, aber dafür auf das Gewicht die zweitgrößten Tiere der Welt nach dem Blauwal. Während aber Blau- oder Finnwale einen langgestreckten Körper haben, ist der von Grönlandwalen vergleichsweise plump: Die kompakte Körperform reduziert die Gesamtoberfläche und damit auch die Wärmeabstrahlung - der erste Schutzfaktor. Dazu kommt eine Blubberschicht, die einen halben Meter dick ist.

Diese Isolation ist gut, wenn die Wale ihrem eher beschaulichen Tagesgeschäft nachgehen. Sie kann aber zum Nachteil geraten, wenn die Tiere aktiver werden - etwa wenn sie sich auf ihre innerarktischen Wanderungen begeben - und die Gefahr einer Überhitzung besteht. 

Der Heizstab

Hier kommt nun laut Werth das Organ, das er "Corpus cavernosum maxillaris" benannt hat, ins Spiel. Es sitzt am Gaumen, hat die Form einer Rute, und besteht aus weichem, schwammigem Gewebe, das von einer großen Zahl an Blutgefäßen durchzogen ist. Werth geht davon aus, dass das Organ mit Blut durchpumpt werden kann und dabei anschwillt - alles in allem also einem Penis ziemlich ähnlich.

Das ausgefahrene Organ würde also dazu dienen, einem Heizstab gleich Wärme ins Wasser abzugeben. Zumindest unter anderem: Bei anderen Großwalen wurde nämlich vor kurzem erst ein Sinnesorgan im Maul entdeckt, das der Koordination der Nahrungsaufnahme dienen könnte. Beim Grönlandwal könnte dies zu einer Mehrfachfunktion ausgebaut sein.

Hinweise

Indizien für seine Hypothese hat Werth verschiedene: Zum einen wurden vor kurzem erst Untersuchungsergebnisse von Walen, die vor 20 Jahren bei einer legalen Jagd durch indigene Walfänger in Alaska getötet worden waren, veröffentlicht. Auch noch Stunden nach dem Tod der Tiere war das neuidentifizierte Organ am Gaumen um einige Grad wärmer als das übrige Oberflächengewebe.

Zudem wurden Grönlandwale schon oft dabei beobachtet, wie sie mit leicht geöffnetem Maul schwammen. Nicht genug, um so Nahrung aufnzunehmen - aber eben doch genug, um den Wasserwiderstand zu erhöhen, immerhin haben Grönlandwale das größte Maul im gesamten Tierreich. Werths Hypothese könnte dieses scheinbar paradoxe Verhalten nun endlich erklären: Die Wale leiten über ihr Maul überschüssige Hitze ab. (red, derStandard.at, 24. 3. 2013)

  • Größenvergleich zwischen Mensch und Grönlandwalkiefer: Grönlandwale haben das größte Maul im gesamten Tierreich - und offenbar einen guten Grund, warum sie es beim Schwimmen ein Stückchen offenstehen lassen.
    foto: photo/al grillo

    Größenvergleich zwischen Mensch und Grönlandwalkiefer: Grönlandwale haben das größte Maul im gesamten Tierreich - und offenbar einen guten Grund, warum sie es beim Schwimmen ein Stückchen offenstehen lassen.

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