Die beunruhigende Normalität Mitteleuropas

11. März 2013, 18:30
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Bald 25 Jahre nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs und fast ein Jahrhundert nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist in Mitteleuropa, für beide Ereignisse die Schlüsselregion, Normalität eingekehrt. Typischerweise im positiven wie im negativen Sinn

Wien - Es scheint ziemlich absurd, jemanden zu besuchen, den es nicht mehr gibt. Im Jahr 2006 fragten sich die Teilnehmer eines Symposiums an der Diplomatischen Akademie in Wien, ob Mitteleuropa noch existiere, und stimmten großteils darin überein, dass dies nicht der Fall sei. Mit dem EU-Beitritt der postkommunistischen mitteleuropäischen Länder sei die Frage politisch obsolet geworden.

Sieben Jahre später wurde nun diesem angeblich nicht existenten Wesen ein neuer Erkundungsbesuch abgestattet, wieder an der Wiener Diplomatenschmiede, die das Symposium gemeinsam mit ihrem Prager Pendant ausrichtete. Diskussionspanels und Auditorium setzten sich aus den " üblichen Verdächtigen" zusammen, aber auch aus Studenten der Akademien und jungen Diplomaten.

Mit ihrem Buch Projekt Mitteleuropa hatten Erhard Busek und Emil Brix 1986 Brisanz und Potenzial einer scheinbar harmlosen, weil "nur" kulturell verstandenen Idee verdeutlicht. In der Dissidentenszene Ostmitteleuropas war Mitteleuropa zur Chiffre für Zugehörigkeit zur westlichen Kultur geworden. Mit ideeller und materieller Hilfe von Menschen wie Busek, Brix, Karl Schwarzenberg und einigen anderen entfaltete der Gedanke seine subversive Wirkung gegen das von Moskau gelenkte totalitäre System. Das wurde den Machthabern erst bewusst, als es schon zu spät war.

Dass der Mitteleuropa-Gedanke fast ein Vierteljahrhundert danach eine reale politische Bedeutung hat, kann niemand ernsthaft behaupten. Erst jüngst unternahmen die vier Länder der Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) einen neuen Anlauf, dies zu ändern: Bis 2016 wollen sie eine gemeinsame Kampfgruppe aufstellen.

Russland und China aktiv

Die Motivation liefert allerdings nicht eine wie immer geartete Mitteleuropa-Ideologie, sondern schlichter Sparzwang. Im Hintergrund stehen möglicherweise auch Versuche Moskaus, die einstigen Satelliten durch "differenzierte" Gaspreispolitik auseinanderzudividieren. In der Region registriert man zudem seit einiger Zeit mit einer gewissen Beunruhigung verstärkte russische Geheimdienstaktivitäten. Was wiederum damit zu tun haben könnte, dass China die Staaten Zentral- und Ostmitteleuropas als wirtschaftsstrategisches Einfallstor in die EU betrachtet und dafür sogar ein eigenes Mitteleuropa-Institut etabliert hat. Das stellt die geostrategische Bedeutung des Raumes unter neue Vorzeichen.

Das 25-Jahr-Jubiläum der Wende von 1989 im kommenden Jahr fällt mit dem Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren zusammen - ein höchst beziehungsvoller Zufall. Denn die europäische Katastrophe, die 1914 begann, endete erst 1989. Welche Rolle der mitteleuropäische Raum dabei spielte, im Negativen wie im Positiven, scheint heute weitgehend vergessen. Das hat durchaus seine guten Seiten, im Sinn einer mitteleuropäischen Normalität des unaufgeregten Neben- und (manchmal) Miteinander. "Wir haben gelernt, auf zivilisierte Art miteinander nicht einverstanden zu sein", meinte der tschechische Visegrád- Koordinator Jirí Cistecký bei einem Treffen zum 20-Jahr-Jubiläum der Gruppe in der polnischen Botschaft in Wien.

In einem noch weit positiveren Sinn äußert sich diese Normalität in vielen länderübergreifenden kulturellen Initiativen und Aktivitäten, bei denen Mitteleuropas "Einheit in der Vielfalt" mit größter Selbstverständlichkeit praktiziert wird. Beim Symposium in der Diplomatischen Akademie wies Busek auf die vielen Festivals mit ihrem vorwiegend jungen Publikum hin, um zugleich zu kritisieren, dass dies keiner breiteren Öffentlichkeit vermittelt wird.

"Normaler" Nationalismus

Kaum erfreuliche mitteleuropäische Normalität bedeuten dagegen, erneut mit Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, nationalistische Aufwallungen in einigen Ländern, vor allem in Ungarn. Nicht nur die Nachbarn, die ganze EU hat darauf bisher keine adäquate Antwort gefunden.

Mitteleuropa "bedeutet auch, auf die schönen und die bösen Überraschungen gefasst sein, die uns im paneuropäischen Zusammenhang erwarten", schrieb der slowenische Schriftsteller Drago Jancar 2001 in einem Essay. Vera Jerábková, die Direktorin der Prager Diplomatischen Akademie, wünschte sich in Wien für das nächste Mitteleuropa-Symposium einen stärkeren Fokus auf die Zukunft. Die Erfahrung Mitteleuropas lehrt, dass hier die Zukunft, im Schlechten wie im Guten, begonnen hat, lange bevor es die meisten merken. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 12.3.2013)

  • Ein Beispiel für die lebendige, einer breiteren Öffentlichkeit aber nur unzureichend vermittelte Kulturszene Mitteleuropas: das alljährlich auf der Óbudai- Donauinsel in Budapest stattfindende Sziget-Festival. Im ideellen Sinn ist es inzwischen auch zu einer Art Gegenthese zum selbstbezogenen nationalistischen Kurs der ungarischen Regierung geworden.
    foto: epa/mohai

    Ein Beispiel für die lebendige, einer breiteren Öffentlichkeit aber nur unzureichend vermittelte Kulturszene Mitteleuropas: das alljährlich auf der Óbudai- Donauinsel in Budapest stattfindende Sziget-Festival. Im ideellen Sinn ist es inzwischen auch zu einer Art Gegenthese zum selbstbezogenen nationalistischen Kurs der ungarischen Regierung geworden.

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