"Man kann diese Region nur über die Kultur erneuern"

Interview11. März 2013, 18:33
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In den Jahren vor und nach der Wende 1989 wurde der Mitteleuropa-Gedanke zu einem eminent politischen Faktor. Emil Brix, einer der österreichischen Mitteleuropa-Pioniere, beleuchtet im Gespräch mit Josef Kirchengast Wirkung und Potenzial der Idee

STANDARD: Hat Mitteleuropa fast ein Vierteljahrhundert nach der Wende von 1989 irgendeine Relevanz in der EU?

Brix: Politische Relevanz sehe ich derzeit keine. Das ist eines der Probleme: Alle mitteleuropäischen Länder suchen ihre Position in der Europäischen Union, aber überwiegend nicht in der Kooperation, sondern in einem direkten Weg nach Brüssel oder in Spezialbeziehungen zu anderen Ländern. Mitteleuropa hat sich politisch in der EU marginalisiert.

STANDARD: Es gibt Versuche, diese Marginalisierung zu überwinden: die Visegrád-Gruppe der vier postkommunistischen Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn und die später von Österreich initiierte "regionale Partnerschaft". Warum sind Versuche, die Initiativen zu bündeln, bisher gescheitert?

Brix: Das mag an der mitteleuropäischen Liebe zu Parallelaktionen liegen. Als Österreich nach 2000 die regionale Partnerschaft ins Leben rief, war es vielleicht nicht der richtige Weg, es in Konkurrenz zu Visegrád zu machen. Man muss aber auch die damalige Situation sehen. Einerseits brauchte und suchte Österreich Freunde aufgrund der sogenannten Sanktionen und wollte gleichzeitig signalisieren: Wir helfen euch in die EU. Auf der anderen Seite funktionierte damals Visegrád als Kooperation nicht sehr gut.

STANDARD: Das hat sich geändert.

Brix: Die Gewichte haben sich deutlich verschoben. Visegrád funktioniert deutlich besser. Es lohnt jeden Versuch, eine gemeinsame starke Initiative zu unternehmen.

STANDARD: Abseits der Politik werten Sie es als großen Erfolg, dass die große Mehrheit der Österreicher sich als Mitteleuropäer fühlt und nicht in erster Linie als Teil des deutschsprachigen Raumes.

Brix: Ich spüre jedenfalls, dass die österreichische Identität jetzt wirklich in Mitteleuropa angekommen ist. Diese starke Abhängigkeit von Deutschland war ja eines der Kernprobleme im 19. und 20. Jahrhundert. Ein klassisches Beispiel ist für mich die Entwicklung der FPÖ unter Haider. Haider hat gespürt, dass sich die Dinge wandeln, und hat die FPÖ vom deutschen zum österreichischen Nationalismus geführt. Beides halte ich für problematisch, aber es zeigt die veränderte Wahrnehmung der österreichischen Identität. Besonders erfreulich für mich ist, dass es seit 1989 zu einer Mehrheitsmeinung der politischen Akteure und, ich denke, auch der Bevölkerung wurde, dass Österreich im mitteleuropäischen Kontext verankert ist und da auch seine Zukunft sieht. Das hat auch damit zu tun, dass die Wirtschaft neue Märkte in Mitteleuropa und auf dem Balkan gefunden hat.

STANDARD: Jean Monnet, einer der Gründerväter der EU, soll gesagt haben: Wenn er es noch einmal tun müsste, würde er mit der Kultur beginnen. Auf Mitteleuropa bezogen: Wäre es nicht eine lohnende Aufgabe, diesen Raum mit seiner Geschichte und kulturellen Vielfalt in einem großen, länderübergreifenden Projekt zu präsentieren?

Brix: Man kann diese Region nur über die Kultur erneuern und für die Welt interessant machen. Vor und nach 1989 waren wir als Region weltweit gefragt. Denn man spürte, hier ist aus einer kulturellen Diskussion - dass es eben nicht der Osten ist, sondern die Mitte Europas - eine politische Entwicklung entstanden. Es muss uns gelingen, das auch heute wieder zu einem Thema zu machen. Ich würde zum Beispiel das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren 2014 dazu nutzen. Was haben wir als Mitteleuropäer daraus gelernt? Wohin hat sich diese Region seither entwickelt? Auch das 200-Jahr-Jubiläum des Wiener Kongresses wäre eine Gelegenheit. Solche historischen Anlässe bieten sich dazu an, über die Zukunft der Region zu sprechen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 12.3.2013)

Emil Brix (geb. 1956), Historiker und Diplomat, hat 1986 gemeinsam mit Erhard Busek das Buch "Projekt Mitteleuropa" veröffentlicht. Für die Idee arbeitete er auch in seinen rund zehn Jahren als Leiter der kulturpolitischen Sektion des Außenministeriums. Seit April 2010 ist Brix österreichischer Botschafter in London.

  • Emil Brix: "Die österreichische Identität ist in Mitteleuropa angekommen."
    foto: gepa pictures

    Emil Brix: "Die österreichische Identität ist in Mitteleuropa angekommen."

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