Pauschalreise ins Brucknerland

11. März 2013, 18:01
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Musikverein: Wiener Philharmoniker mit Zubin Mehta

Wien - Ein Bundeskanzler außer Dienst im Parkett, ein Staatsoperndirektor im Dienst auf dem Balkon: großer Bahnhof für Zubin Mehta und die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Anton Bruckners achte Symphonie wurde gegeben, und wer seinerzeit dabei war, erinnerte sich an die Eröffnung der letzten Musikvereinssaison, als Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden das Riesending weniger als gewaltige Tonarchitektur denn als minutiös gezeichnetes episches Seelendrama präsentierten: gediegene Handwerkskunst der allerhöchsten Qualitätsstufe.

Mehta ging die Sache deutlich pauschaler an, speziell auf die genaue Befolgung der stillenahen Dynamikangaben legte er keinen gesteigerten Wert. Hatte das Holz im Kopfsatz eine Phrase zuerst forte, dann piano zu spielen, klang beides exakt gleich laut; die Streicher beeindruckten mit dem mutmaßlich lautesten dreifachen Piano der Musikgeschichte (erster Satz, Takt 331). Die dynamischen Höhepunkte des Werkes kamen oft plump daher, wie banale Drohgebärden.

Ekstatisches Adagio

Im Adagio wird endlich Extraklasse hörbar: Die im Viervierteltakt notierte, zwischen triolischen und duolischen Achteln schwankende Begleitung klang wie ein unendlich langsamer, unendlich zarter, trauriger und traumverlorener Walzer.

Mit Charakterkopf Rainer Küchl und dem etwas elegischeren Rainer Honeck führten gleich zwei Konzertmeister die Streicher an, die wie zu einem einziges Wesen wurden, Zubin Mehta wohin auch immer folgend wie ein äußerst sensibler, mitfühlender Tanzpartner. Dann das Geknatter des vierten Satzes: Star Wars. Flieget ein, ihr dunklen Mächte.

Wie immer bei durchschnittlichen Aufführungen dieser Symphonie knickte die Aufmerksamkeit irgendwann weg, bei der dreiundsechzigsten abgebrochenen Steigerung Bruckners so in etwa. Riesenhafter Applaus. Er wird sich auf der kommenden Tournee (also in Brüssel, Paris, Luxemburg und Essen) womöglich wiederholen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 12.3.2013)

Diesen Samstag wird Zubin Mehta am Schönberg-Center mit dem Ensemble Wiener Collage Schönbergs Kammersymphonie op. 9 zu Gehör bringen.

  • Geht mit den Philharmonikern auf Reise: Zubin Mehta.
    foto: epa/leo la valle

    Geht mit den Philharmonikern auf Reise: Zubin Mehta.

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