Strolz: "Wir wissen, wir müssen volkstümlicher werden"

Interview11. März 2013, 18:19
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Um einen Nationalratseinzug zu schaffen, müsse man in Sachen Zuspitzung noch nachlegen, sagt Neos-Chef Matthias Strolz

STANDARD: Herr Strolz, als wie hoch schätzen Sie das Wählerpotenzial der Neos ein?

Strolz: Am weitesten gefasst sind das achtzig Prozent: jene, die sagen, wir sind völlig unzufrieden mit der rot-schwarzen Regierung. Die werden wir nicht alle erreichen. Ich glaube, unser realistisches Potenzial liegt zwischen zehn und zwanzig Prozent.

STANDARD: Es heißt, Sie werden vor allem Grünen und ÖVP Stimmen wegnehmen. Ist das Ihre Klientel?

Strolz: Ja, aber da werden auch viele der Nichtwähler dazukommen. Wir wollen das Positive, die Zuversicht und das Lebendige in die Politik zurücktragen. Die vielen Nichtwähler sind eigentlich das größte Potenzial.

STANDARD: Neos, die Bobo-Partei?

Strolz: (lacht) Nein. Neos ist eine Bürgerbewegung, mitten aus der Gesellschaft. Und ja, ich glaube, dass wir unter den Bobos viele Fans haben. Wir treffen auch ein Stück weit deren Lebensgefühl.

STANDARD: Also eine Partei für Bessergestellte?

Strolz: Das glaube ich nicht. Es gibt das Phänomen der Grünen, die Politik für ein anderes Klientel machen als für jene, die sie wählt. Unser Fokus auf Bildung ist etwa ein Angebot an Arbeiterschichten. Chancengerechtigkeit ist uns extrem wichtig, und das ist ein Thema, das quer über alle sozialen Schichten geht und die Menschen gleichermaßen betrifft.

STANDARD: Kooperieren Sie ausschließlich deswegen mit dem LIF, um Millionär Hans Peter Haselsteiner an Bord zu haben?

Strolz: Wir kooperieren ausschließlich mit dem LIF, um die Kräfte der Mitte zu bündeln. Alles andere wäre ein Blödsinn. Wenn wir in den Nationalrat einziehen und dieses Land erneuern wollen, dann brauchen wir eine Kombination aus Idealismus und Pragmatismus. Und das heißt, wir müssen pragmatische Schritte setzen.

STANDARD: Das heißt?

Strolz: Wir müssen zeigen, dass wir zu Kooperationen fähig sind. Kleinparteien, die sich noch weiter aufspalten, werden das Land nicht weiterbringen.

STANDARD: Was verbindet die Neos und das Liberale Forum?

Strolz: Viel. Wir haben dieselbe politische Stoßrichtung. Wir glauben an Eigenverantwortung, an die Kraft des Individuums, an einen gesunden Staat. Europa ist uns wichtig, wie auch die Blockade im Bildungsbereich zu überwinden.

STANDARD: LIF und Neos sollen künftig unter dem Namen Neos auftreten, die Parteifarbe wird das Neos-Pink sein. Wieso?

Strolz: Wichtig ist: Die Organisationen werden nicht verschmolzen. Das LIF hat als Marke eine imposante Vergangenheit, es war ein mutiges Projekt. Davon kann man zehren. Neos hat mehr an Gegenwart als an Vergangenheit. Das heißt, gemeinsam stehen wir für die Zukunft. Wenn man heute anknüpft, dann besser an der Gegenwart als an der Vergangenheit.

STANDARD: Wieso eigentlich die Farbe Pink?

Strolz: Es sind nicht mehr viele Farben frei. Violett ist von den Piraten besetzt, im Gespräch war auch Apfelgrün. Das war uns aber zu giftig. Und wir wollten eine Farbe, die auffällt.

STANDARD: Die Farbe fällt auf, die Partei weniger: Die Neos scheinen grundvernünftig. Braucht es auch ein paar Ecken und Kanten, um potenzielle Wähler anzusprechen?

Strolz: Wir müssen in Sachen Zuspitzung noch nachlegen. Das fällt uns schwer. Wo hängt denn die Zuspitzung in Österreich? Auf der Flughöhe mit Slogans wie "Raus mit Ausländern" und "Zurück zum Schilling". Das ist eine Art von plattem Populismus, die uns unendlich schwerfällt. Aber wir wissen, wir müssen ein wenig volkstümlicher werden. Das geht uns wirklich nicht leicht von der Hand, aber wir arbeiten daran.

STANDARD: Sie haben vier ehemalige Grüne, die nun die Neos unterstützen. Sind auch prominente Unterstützer zu erwarten?

Strolz: Ich glaube, schon. Wir sind keine Promi-Partei, aber es schaut so aus, als würden wir bis zum Sommer regen Zustrom bekommen. Wir wachsen schneller als erwartet, mittlerweile packen schon 1800 Leute ehrenamtlich mit an. Wir wollen nun bis September auf 3000 kommen. Und wir merken, dass sich auch immer mehr arrivierte Personen aus der Deckung wagen.

STANDARD: Ist es in Österreich möglich, ohne reichen Spender realistische Chancen auf einen Nationalratseinzug zu haben?

Strolz: Money matters - das ist eine Lehre aus den vergangenen Landtagswahlen. Es kann aber auch mit weniger Geld gehen, dann ist man auf Promis oder eine Marke angewiesen. Oder auf viele, viele Freiwillige, die mit anpacken. Das ist unser Weg. Wir sind viele. Wir kommen aus dem Volk. Wir wollen's wissen. Und ja, wir hoffen, dass wir weitere Spender erreichen.

STANDARD: Was ist das finanzielle Ziel?

Strolz: Wir wollen bis zur Nationalratswahl eine Million Euro aufstellen. Das ist nicht einmal ein Zehntel von dem, was andere haben, aber es ist genug, um einen kreativen und unkonventionellen Wahlkampf führen zu können.

STANDARD: Wie viel Prozent wollen Sie bei der NR-Wahl machen?

Strolz: Wir wollen jedenfalls einziehen, das zweite Ziel ist, in Richtung zehn Prozent zu gehen. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, 12.3.2013)

Matthias Strolz (39) ist seit der Gründung 2012 Vorsitzender der Neos, Politikberater und Ex-ÖVP-Mitarbeiter.

  • "Money matters - das ist auch eine Lehre aus den vergangenen Landtagswahlen."
    foto: der standard/urban

    "Money matters - das ist auch eine Lehre aus den vergangenen Landtagswahlen."

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