Die Wahrheit ist ein Kind Australiens

11. März 2013, 16:14
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Die Zeit der kaum zu interpretierenden Testfahrten ist beendet, die Wahrheit am Asphalt. Vettel strebt vierten Titel an

Es war einmal vor langer Zeit, da hatte Bernie Ecclestone noch Wünsche. Einen Schwarzen wollte er in der Formel 1, also in einem Cockpit sitzen sehen. Dazu eine Frau, einen Chinesen und, um der Märkte Willen, einen schnellen Deutschen.

Das war natürlich vor Schumacher, Hamilton und Vettel. Und wenn er geahnt hätte, welche Fadesse durch Schumachers Dominanz in der Königsklasse einzog, hätte Ecclestone seinen Wunsch wohl etwas vorsichtiger formuliert.

Deutsche Ebbe war einmal

Aber damals, also bevor die deutschen Piloten der Reihe nach aus dem Boden schossen, lechzte die große Automobil-Nation nach einem konkurrenzfähigen Fahrer. Die wenigen Siege des Vizeweltmeisters 1961, sein Name war Wolfgang Alexander Albert Eduard Maximilian Graf Berghe von Trips, lagen weit zurück. Und wäre der talentierte Stefan Bellof beim 1000-km-Rennen von Spa nicht in der Eau Rouge zu Tode gekommen, wer weiß, vielleicht hätte das sehnsüchtige Warten ein vorzeitiges Ende gefunden.

So aber mussten die leidgeprüften Anhänger mitansehen, wie die Strietzels, Danners, Schneiders und Winkelhocks in lahmen Boliden der Spitze aussichtslos hinterherzuckelten. Bittere Zeiten für deutsche Motorsportfreunde, die sich nur an Rallye-Ikone Walter Röhrl aufrichten konnten. Alles Geschichte. Auch in dieser Saison führt der Weg zum Titel über Sebastian Vettel. Der Deutsche strebt seinen vierten WM-Triumph in Folge an.

Das Vorjahr als solide Basis

Und es wird den 25-Jährigen kaum beunruhigen, dass sein RB9 im Winter kleine Schwächen in puncto Balance offenbarte. Das Team von Red Bull Racing wirkt zu gefestigt, um sich von derlei Schwierigkeiten aus dem Konzept bringen zu lassen. Zudem kann der im britischen Milton Keyes ansässige Rennstall auf das Paket des Vorjahres vertrauen, sind die aktuellen Autos unter nahezu identem Reglement doch lediglich Evolutionen der letztjährigen Modelle.

Die Konkurrenz muss man trotzdem im Auge behalten. Fernando Alonso, im Vorjahr erster Verlierer und der Übertreibung keineswegs abgeneigt, spürt seinen neuen Ferrari nicht weniger als "200 Mal besser als den alten". Tatsächlich hinterließ der neue F138 bei den Testfahrten am Circuit de Catalunya einen flotten Eindruck. Noch eiliger hatten es ebendort Nico Rosberg und Lewis Hamilton. Die beiden Piloten machen dem zuletzt enttäuschenden Mercedes-Team für 2013 Hoffnung.

Traditionelles Understatement

"Die schrittweisen Verbesserungen sind sehr ermutigend", sagt Hamilton. Die Wahrheit liegt im Albert Park zu Melbourne, sagt die Erfahrung. Tatsächlich ist die Rangordnung kaum abzusehen. Um also nicht an überhöhten Zielen zu scheitern, verzichten die Teams vor Saisonbeginn auf das Spucken großer Töne. Man will "nicht mehr peinlich sein", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Man will in Australien Punkte holen, heißt es aus dem Lager von McLaren. Traditionelles Understatement.

Konkreter formuliert da schon der italienische Reifenhersteller Pirelli seine Vision: mehr Boxenstopps, mehr Überholmanöver, mehr Spektakel. Um diese Vorgabe zu erreichen, wurden die Pneus weicher, also deren Haltbarkeit geringer gemacht. Wie die neuen Supersoft auf tropische Hitze reagieren, war bei den durchwegs kühlen Temperaturen in Spanien nicht in Erfahrung zu bringen. "Wir hatten noch nie Wintertests, die so wenig aussagekräftig waren", resümierte Vettel.

Finale am 24. November

Der Rennkalender 2013 umfasst zwanzig Termine, spätestens am 24. November steht der neue Weltmeister in Interlagos fest. Das ursprünglich geplante Rennen in New Jersey wurde um ein Jahr verschoben, stattdessen wird ein Grand Prix von Europa an noch unbekannter Stelle ausgetragen. Nach dem Aus für das HRT-Team besteht das Feld aus elf Teams. Als aussichtsreichste Rookies, es gibt derer fünf, gelten der Mexikaner Esteban Gutiérrez im Sauber und der Finne Valtteri Bottas im Williams.

Und Bernie Ecclestone? Eine Frau und ein Chinese fehlen dem Boss noch im Starterfeld, eine chinesische Frau wäre ein wohl nicht zu erwartender Glücksfall. Doch es gibt Hoffnung: Die ehemalige DTM-Pilotin Susie Wolff testet weiterhin für Williams, der Chinese Ma Qing Hua ist als Ersatzfahrer bei Nachzügler Caterham engagiert. Alles nur eine Frage der Zeit. Und in der Formel 1 auch des Geldes. (Philip Bauer; 13.3.2013)

  • "The Making of the Australian Grand Prix - Time Lapse (290000 hours in 2 minutes)"

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    Teams und Piloten im Überblick.

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    Titelverteidiger Sebastian Vettel in seinem neuen RB9.

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    Mit ihm ist zu rechnen: Mercedes-Pilot Lewis Hamilton.

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    Die neuen Pirelli-Reifen sorgen für Diskussionstoff.

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