Forschungsrat: "Untragbare Betreuungsverhältnisse" in Geisteswissenschaften

11. März 2013, 15:42
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Forschungsrat fordert mehr Geld für Unis und ist skeptisch gegenüber Zugangsbeschränkungen in überlaufenen Fächern

Wien - Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) vermisst ein "Big Picture" sowie eine ausreichende Finanzierung der österreichischen Hochschulen. In zwei Empfehlungen zu "Alleinstellungsmerkmalen und Profilbildung im Hochschulraum" sowie "Ausgewählten Themenfeldern der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK)" konstatiert der Rat unter anderem, dass trotz positiver Entwicklung in den vergangenen Jahren "die Einrichtungen des österreichischen Hochschulraumes, besonders die Universitäten, nach wie vor nicht zufriedenstellend finanziert sind". Zugangsbeschränkungen in Massenfächern steht der Rat skeptisch gegenüber.

Probleme in den GSK ortet der Forschungsrat in den "Massenfächern", wo sich in den vergangenen Jahren in manchen Bereichen die Zahl der Studenten mehr als verdoppelt hat. "Diesem Anstieg folgte jedoch keine entsprechende Erhöhung des Lehrpersonals, woraus sich in einigen GSK-Disziplinen mittlerweile untragbare Betreuungsverhältnisse ergeben." Dies habe nicht nur negative Auswirkungen auf die Qualität der Lehre, sondern verunmögliche mangels Zeit auch weitgehend eine angemessene Forschungsaktivität.

Geeignete Selektionsmethoden

Skeptisch äußert sich der RFT gegenüber Zugangsbeschränkungen in stark nachgefragten Studienfächern: Diese würden die Gefahr bergen, "dass Studieninteressierte auf die nächstverwandten Fächer ausweichen und es damit lediglich zu einer Verlagerung der Problematik kommt". Hinzu komme gerade bei geistes- und kulturwissenschaftlichen Studien die Frage, welche Selektionsmethoden und -kriterien überhaupt geeignet sind, die "richtigen" von den "falschen" Studenten zu unterscheiden. Der Rat hält auch fest, dass die Zahl der Plätze im Masterstudium nicht eingeschränkt werden dürfe, da der Bachelor "vielfach nicht als vollgültiger Studienabschluss anerkannt wird".

Steuerliche Anreize zur Forschungsförderung

Der RFT empfiehlt unter anderem die "gesetzliche Verankerung der 'zwei Prozent des BIP für den tertiären Bereich' in einem Forschungsfinanzierungsgesetz". Außerdem sollten steuerliche Anreize zur Forschungsförderung der GSK durch Unternehmen sowie diesem Thema gewidmete Stiftungsgründungen forciert werden. Zur Entlastung der Massenfächer wird eine verbesserte bzw. leichtere Anrechenbarkeit von Lehrveranstaltungen über unmittelbare Fächergrenzen hinweg vorgeschlagen.

Zur Nachwuchsförderung empfiehlt der Rat die Schaffung weiterer Doktoratskollegs und eine Verbesserung der derzeit oft prekären Arbeitsbedingungen an den Unis. Hier müsse eine Zwischenform zwischen der früher gängigen Pragmatisierung und den aktuellen Kettenverträgen gefunden werden. Generell müssten die Wissenschafter wieder mehr Zeit für Forschung haben, konstatiert der RFT. Er schlägt daher Initiativen etwa zur weitgehenden Freistellung von universitären Pflichten für einen bestimmen Zeitraum vor - außerdem sollten die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Eine Absage erteilt der Rat dagegen einer Teilung in reine "Forschungsprofessuren" bzw. "Lehrprofessuren".

Ziele und Zuständigkeiten der Universitäten

Zur Positionierung der einzelnen Hochschultypen verlangt der Rat außerdem ein "Big Picture", das den Rahmen für den Hochschulraum mit seinen übergeordneten und heruntergebrochenen Zielen und Zuständigkeiten vorgibt. In den vergangenen Jahren habe eine Verwischung der spezifischen Aufgabenbereiche und Profile der Hochschultypen zu "Redundanz und unterkritischen Massen" geführt. Als Beispiele werden eine "stärkere Fokussierung der Universitäten auf die Lehre (zu Ungunsten der Forschung) oder der Aufbau von Forschungsinfrastruktur aus Eigenmitteln an Fachhochschulen (FH), die dann unterkritisch bleibt", genannt. Neue gesetzliche Regeln für eine bessere Unterscheidung der einzelnen Institutionen seien nicht nötig.

Den Unis empfiehlt der RFT, "noch stärker ihr akademisch-wissenschaftliches Profil herauszuarbeiten und die Verbindung zwischen Forschung, Lehre und Wissenstransfer zu akzentuieren". Sie sollten in ihren Schwerpunktbereichen "Forschungsträger von internationalem Format" sein. FH wiederum sollten ihren Fokus stärker auf "hochwertige Berufsausbildung im Bereich des Bachelor legen und auch auf Master-Level - unterstützt durch kooperative angewandte Forschung - die Berufsnähe herausstreichen". Mit den Unis sollte im Doktorat-/PhD-Bereich zusammengearbeitet werden, wobei die Universitäten ihre "wohlbegründete Monopolstellung des Promotionsrechts" behalten sollen. (APA, 11.3.2013)

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