Barcelona zwischen Not und Übertreibung

11. März 2013, 17:08
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Katalanen müssen gegen Milan ein 0:2 wettmachen, dabei im Achtelfinal-Rückspiel aber gleichzeitig hinten dichthalten - Schalke gegen Galatasaray mit besten Aussichten

Barcelona/Gelsenkirchen - Als die nächste Bestmarke fiel, dürfte Lionel Messi mit seinen Gedanken schon in die Zukunft abgschweift sein. Zum Beispiel zum Achtelfinal-Rückspiel der Champions League. Denn während der Weltfußballer von einem Rekord zum nächsten eilt, könnte ihm die europäische Krönung erneut verwehrt bleiben. Nach der 0:2-Niederlage beim AC Mailand droht dem FC Barcelona am Dienstag (20.45 Uhr) das vorzeitige Aus.

Man wird sich nicht ergeben. "Wir werden von Beginn an angreifen und hoffen auf ein 3:0", kündigte Verteidiger Gerard Pique schon einmal einen Sturmlauf an. Beim 2:0-Erfolg gegen Deportivo La Coruna hatte Messi am Sonntag mit seinem 40. Meisterschafts-Treffer nicht nur für eine gelungene Generalprobe gesorgt. Mit seinem 17. Spiel in Folge mit einem Goal stellte er auch einen Europarekord auf und überholte den polnischen Stürmer Teodor Pewterek, der in 16 Spielen in Serie in den 30er Jahren für Rekordmeister Ruch Chórzow erfolgreich war. 

Ein Gegentor würde schmerzen

Die Partie gegen das spanische Schlusslicht Deportivo war aber auch insofern ein Erfolg, da Barca zum ersten Mal seit sage und schreibe 13 Matches kein Gegentor kassierte. Wieder einmal geht es um die Balance. "Es besteht kein Zweifel, dass wir am Dienstag nach vorne spielen und Tore erzielen müssen," meinte Assistenztrainer Jordi Roura, der den an Krebs erkrankten Tito Vilanova weiter ersetzt. "Aber wir dürfen es nicht übertreiben. Wir müssen einen Ausgleich zwischen unserer Not ein Tor zu erzielen und unserer Defensivarbeit finden." Denn ein weiteres Gegentor würde eine Aufholjagd der Katalanen wohl schon nahe Richtung Unmöglichkeits-Sphäre verschieben.

Die Frage ist, inwieweit Barcelona derzeit zu Kraftakten in der Lage ist. Nachdem das Ensemble zu Saisonbeginn fast unschlagbar schien, kassierte es zuletzt schmerzliche Niederlagen und musste unter anderem gleich zwei Clásico-Pleiten inklusive Pokal-Aus schlucken. Es scheint gar der Status als weltbestes Team in ketzerischer Frage zu stehen: Ist Barcelona über seinen Zenit hinaus?

Das Fehlen von Vilanova, der derzeit nach einer Operation an der Ohrspeicheldrüse zur Behandlung in den USA weilt, dürfte einer der Gründe für die Probleme sein. "Wir vermissen ihn sehr. Es ist schwierig, so eine Situation ohne den Trainer zu überstehen. Es ist wie eine Firma ohne Chef. Aber wir werden die Situation meistern", gibt sich Pique kämpferisch.

Sacchi: Letzter Biss könnte fehlen

"Barcelona ist nicht mehr so aufregend, weil Guardiola weg ist. Das leichte Gewinnen der Meisterschaft hat die Mannschaft möglicherweise dazu verleitet, es lockerer angehen zu lassen. Zuletzt habe ich ein schwaches Barcelona gesehen, was man so nicht gewohnt war", urteilte Italiens Fußball-Philosoph Arrigo Sacchi unlängst in der Sporttageszeitung Marca. Doch ist für den Architekten der großen Milan-Mannschaft der 1990er Jahre ein Weiterkommen der Schwarz-Roten keineswegs ausgemacht: "Wenn sie Angst haben, läuft Milan Gefahr, besiegt zu werden."

Vor allem im Angriff haben die Mailänder Probleme. Neben dem in der Champions League nicht spielberechtigten Mario Balotelli, muss man auch auf den am Knie verletzen Giampaolo Pazzini verzichten. Für ihn steht M'Baye Niang bereit, um neben Kevin-Prince Boateng und de neuen Helden Stephan El Shaarawy die Offensivformation zu bilden. "Wir werden in Barcelona noch besser spielen müssen als zuhause", vermutet Trainer Massimiliano Allegri.

Doch die Statistik favorisiert Milan, das dank eines Erfolgslaufs in der Serie A bereits bis auf Rang drei vorgestoßen ist. Erst viermal in der Geschichte der CL konnte ein Team in der K.o.-Runde eine Hinspielniederlage mit mindestens zwei Toren Unterschied noch wettmachen. Überhaupt noch nie gelang das einem Team ohne Auswärtstor.

Schalke mit Rückenwind, aber ohne Huntelaar

Im zweiten Dienstag-Spiel geht Schalke 04 nach dem zweiten Derbysieg der Saison gegen Dortmund mit viel Rückenwind in das Rückspiel gegen Galatasaray Istanbul (Hinspiel 1:1). Nach zuletzt drei Bundesliga-Siegen und fünf Pflichtspielen in Folge ohne Niederlage stehen die Chancen gut, die Reise durch Europa fortzusetzen.

So könnten die Königsblauen, eine von nur drei noch ungeschlagenen Mannschaften im Wettbewerb, auch ihre Kasse weiter auffüllen. Bislang hat der weiter hochverschuldete Traditionsklub allein an UEFA-Prämien 16,6 Millionen Euro eingenommen, mit dem Sprung ins Viertelfinale kämen 3,9 Millionen hinzu. Alles in allem wären bei einem Weiterkommen rund 40 Millionen Euro zu lukrieren.

Schmerzhaft ist für die Mannschaft des kürzlich noch zum Abschuss freigegebenen Trainer Jens Keller allerdings der Ausfall von Goalgetter Klaas-Jan Huntelaar. Mit vier Toren zählte der Niederländer, der gegen Dortmund einen Teilriss des Innenbandes im Knie erlitt, bislang zu den treffsichersten Schützen in der Champions League. Ebenfalls nicht dabei: der gesperrte Jermaine Jones. Christian Fuchs wird wohl erneut nur auf der Bank Platz nehmen, der junge Sead Kolasinac scheint bis auf Weiteres gesetzt.

Bislang hat Schalke daheim gegen türkische Klubs nur gute Erfahrungen gemacht: Gegen Fenerbahce Istanbul gab es 2005 ein 2:0, gegen Trabzonspor neun Jahre zuvor auf dem Weg zum Gewinn des UEFA-Cups ein 1:0. Andererseits konnte Galatasaray schon vier Europacupspiele in Deutschland gewinnen und kann sich am Dienstag auch auswärts einer sehr robusten Fanunterstützung sicher sein. (sid/rob - 11.3. 2013)

ACHTELFINAL-RÜCKSPIELE am Dienstag:

FC Barcelona - AC Milan (Hinspiel 0:2)

Mögliche Aufstellungen

Barcelona: Valdes - Dani Alves, Pique, Puyol, Jordi Alba - Xavi, Busquets, Iniesta - Pedro, Messi, Sanchez. - Trainer: Roura

Mailand: Abbiati - Abate, Mexes, Zapata, de Sciglio - Ambrosini, Montolivo, Muntari - Boateng, Niang, El Shaarawy. - Trainer: Allegri

Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)

Schalke 04 - Galatasaray Istanbul (Hinspiel 1:1)

Mögliche Aufstellungen

Schalke: Hildebrand - Uchida, Höwedes, Matip, Kolasinac - Höger, Neustädter - Farfan, Draxler, Bastos - Pukki. - Trainer: Keller

Istanbul: Muslera - Eboué, Gökhan Zan, Kaya, Riera - Melo, Selcuk Inan - Hamit Altintop, Sneijder - Burak Yilmaz, Drogba. - Trainer: Terim

Schiedsrichter: Jonas Eriksson (Schweden)

 

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    Die Champions League strahlt auch nach Syrien: Übertragung des Hinspiels zwischen Milan und Barca in einer Schule der umkämpften Stadt Aleppo.

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    So entspannt sah man Jens Keller noch nie, zumindest in Gelsenkirchen. Galt Schalkes Interimslösung eben noch als überfordert, gehen er und seine Mannschaft nun in atmosphärisch wie fußballerisch deutlich besserer Verfassung ins Match gegen Istanbul

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