Hört auf zu studieren

Leserkommentar13. März 2013, 16:55
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Neues Semester, neue Chance, die Lotterie geht in die nächste Runde. Dabei müssen wir endlich aufhören, dieses Spiel mitzumachen. Eine Polemik

Warum und zu welchem Zweck studieren wir noch? Das ist meine aufrichtige Frage, weil ich den Zynismus und die verlogene Genugtuung nicht teile, mit der die älteren Semester dieser Gesellschaft die häppchenweise, aber systematische Zerstörung unserer Begeisterung und Hoffnung auf ein gutes Leben im Dienste der Wissenschaft mitansehen. Wenn jemand nicht weiß, wovon ich spreche, kennt er den Alltag an den Universitäten nicht oder kennt ihn nur zu gut und hat sich abgefunden. Aber für uns wird es keine Abfindung mehr geben.

Das öffentliche Bildungssystem ist für mich mittelfristig am Ende. Die oberen Promille reproduzieren sich längst in Privathochschulen, geselligen Runden und exklusiven Auslandsaufenthalten, während die gerade systemrelevanten Fächer hochgepäppelt in den europäischen Hochschulwettbewerb gestoßen werden. Bleiben noch die Massenuniversitäten des Wissensproletariats, diese akademischen Slums der Geistes- und Sozialwissenschaften, die ohne die ganzen informellen Regelungen zwischen den gegenwärtigen und zukünftigen prekär Beschäftigten schon längst kollabiert wären.

Kein Wunder, dass viele das Handtuch werfen

Der penetrante Bürokratismus, das Klima der Missgunst und der Gleichgültigkeit, die entwürdigenden Betteleien um die letzten Plätze - kein Wunder, dass jeder fünfte Studienabbrecher in Österreich aus diesen Gründen das Handtuch wirft. Schlechter dran sind nur noch die, die den medial gepushten Verlautbarungen aus der Politik über irgendwelche Fachkräftemängel hinterherhetzen, nur um ein paar Jahre später mit hunderten anderen festzustellen, dass die Stellen längst besetzt oder nie dagewesen sind. Es ist ja nur unsere Zukunft, die dabei verheizt wird.

Fakt ist: Das, was am Hochschulsystem noch öffentlich war, verschwindet hinter den leeren Floskeln aus einer anderen Zeit: Einerseits die Offenheit des Hochschulzugangs, die mit Aufnahmetests, Knock-Out-Prüfungen, Regelstudienzeit und partiellen Studiengebühren torpediert wird. Andererseits der öffentliche Gebrauch der Vernunft, die Essenz jeder Aufklärung, der mit der Bologna-forcierten Zurichtung der freien Wissenschaften zu einem lösungsorientierten Expertentums für Probleme von Staat und Ökonomie der Boden entzogen wird. Was wir tagtäglich miterleben ist die Verdrängung des Unangepassten, Nicht-Verwertbaren, Lustvollen, aus dem universitären Raum und die finanzielle Trockenlegung ganzer Institute.

Keine rosige Zukunft

Ist das alles nur Gejammere auf hohem Niveau? Sollten wir nicht froh sein, dass wir keine Jugendarbeitslosigkeit von 60 Prozent, keine Studiengebühren in der Höhe eines Kleinwagens oder Studienschulden haben, die bis zur Rente nicht abbezahlt sind? Sollten wir nicht froh sein über die studentischen Freiheiten, die wir genießen? Es sind die Menetekel von Griechenland, Großbritannien und den USA, die sich als new normal ankündigen. Es ist die Freiheit der falschen Wahl zwischen einem Mini-WG-Zimmer oder einem zweiten Nebenjob im studentischen Niedriglohnsektor, der Wahl zwischen einem überfüllten Seminar am Vormittag oder am Nachmittag, zwischen einer permanent prekären Anstellung an der Uni oder in der Privatwirtschaft.

Das Universitätsstudium ist nur symptomatisch für all die ausgebrannten Träume, mit der wir bei der Stange gehalten werden, für all die Versprechungen auf eine goldene Zukunft, die einfach nicht mehr kommen mag: Die Krise scheint sich wohlzufühlen in Europa und die Sparpolitik ebenso. Und es ist klar, dass die, die schon heute ausgehungert werden, die ersten sind, die rationalisiert, enger geschnallt, gestrichen, gekürzt und gespart werden. Das ist der Grund, warum wir mit dem universitären Dahinvegetieren aufhören und uns der Universalität der gegenwärtigen Krisen stellen müssen: Das ist die einzige echte Wahl, die wir haben. (Andreas Fink, Leserkommentar, derStandard.at, 13.3.2013)

Andreas Fink ist Student in Innsbruck.

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