Über das Selbstverständnis von Männern in der Arbeitswelt

Leserkommentar11. März 2013, 16:42
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Schilderungen eines Vaters, der sich mit seiner Frau wirklich Halbe Halbe die Kinderbetreuung aufteilt

Meine Frau und ich haben zwei kleine Kinder und wir sind beide voll berufstätig. Das war, noch bevor wir uns für Kinder entschieden haben, eine Abmachung zwischen uns: Wir nehmen alle Verpflichtungen zu je 50 Prozent wahr, also sowohl die beruflichen als auch die familiären. Punkt. Als ich meiner Frau darauf mein Wort (und zur Besiegelung die Hand) gab, musste ich zugegebenermaßen innerlich erstmal schlucken. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Kunden reagieren würden, wenn ich denen einfach knallhart und undiskutierbar vorhalten musste, dass ich an drei Tagen nur halbtags zur Verfügung stehen würde.

Einerseits kann man sagen: Gerade ich als Selbstständiger habe es da ja leicht, denn meine Kunden sind mir nicht direkt weisungsbefugt. Andererseits stehe ich im offenen Wettbewerb und kann es mir nicht leisten, die wenigen guten Kunden, die ich habe, zu verprellen. Diese Abmachung war also ganz zu Beginn zunächst mal ein Wagnis.

Minituöse Planung

Wie sich dann später herausgestellt hat, konnten wir das aber tatsächlich sehr gut umsetzen, dazu bedurfte es einer minutiösen Planung. Meine Frau und ich haben also einen Wochenstundenplan aufgestellt, wer wann ins Büro und wer sich wann um die Kinder kümmern darf. Diesen Plan haben wir, also ich bei meinen Kunden und meine Frau bei ihrem Arbeitgeber, rechtzeitig kommuniziert und mit den arbeitsmäßigen Gegebenheiten abgestimmt. An dieser Stelle der Erzählung kommt dann von Zuhörern in der Regel der Einwand: "Toll, wie Ihr das macht, aber bei dem Job von meinem Mann ginge das nicht."

Jeder kann sich so organisieren

Diesen Einwand halte ich für eine Schutzbehauptung, meine These ist, dass sich jeder so organisieren kann und dass jeder das mit einer transparenten und offenen Planung auch mit seinem Chef und seinen Kollegen umsetzen kann. Meine These ist, dass Chefs dafür mehr Verständnis aufbringen, als ihnen gemeinhin zugetraut wird. Meine These ist, dass viele Männer aus Bequemlichkeit den Job als nicht diskutierbares Scheinargument ins Feld führen, um sich den unbekannten Herausforderungen der Familienarbeit nicht stellen zu müssen.

Denn nach meiner eigenen Erfahrung ist es für Männer in der Regel einfacher, sich ins Büro zu verdrücken (oder gar Dienstreisen anzutreten! "Schatz, sorry,aber der Chef hat mich nach Singapur geschickt, ich habe versucht, es abzuwenden, aber da lässt sich echt nichts machen!") als sich das erste Mal alleine um ein Neugeborenes zu kümmern. Auf der Arbeit weiß Mann meistens nämlich einigermaßen, was auf ihn zukommt und wie er damit umzugehen hat. Dazu kommt das "harte" Argument, dass diese Arbeit ja den Lebensunterhalt der Familie sichert, was als Schutzschild vor sich hergetragen wird.

Auf der anderen Seite hat jeder Mann (so auch ich) natürlich mächtig Respekt vor der Aufgabe, erstmals ein Neugeborenes alleine zu betreuen. Wie geht das mit dem Windeln wechseln? Iih, das ist ja auch ekelig! Stinkt das nicht? Versaue ich mir mein Hemd mit Kinderkacke? Was, wenn es schreit und nie mehr aufhört? Kann ich was kaputtmachen? Ich kann doch gar nicht kochen! Was muss ich dem Kind denn anziehen? – Mir persönlich hat dabei die Erkenntnis geholfen, dass es meiner Frau in der Situation auch nicht anders ging und sie sich völlig selbstverständlich dieser Herausforderung gestellt hat, ohne Murren, ohne Nebelkerzen.

Sinn und Erfüllung in der Karriere?

Was Männer darüberhinaus davon abhält, eine 50/50-Regelung umzusetzen: Sie haben schlicht Angst, dass die berufliche Karriere unter einer 50/50-Aufteilung leidet. Wie begegnet man diesem Problem? Erstmal bleibt ja ohne Ausflüchte zu konstatieren, dass die berufliche Karriere tatsächlich darunter leidet. Je weniger man im Job ist, desto mehr leidet die Karriere. Die Frage, die sich allerdings dabei stellt, ist die nach dem Sinn oder der Erfüllung, die einem eine 120%-Karriere am Ende bietet. Hier muss eine Werteabwägung einsetzen. Will ich in 10 Jahren Chef des Konzerns sein und bin ich dann glücklich?

Oder muss ich dann einsehen, dass der größte Fehler meines Lebens war, keine Zeit für meine Kinder gehabt zu haben? Das ist ein besonders schwieriger Punkt, denn noch immer ist der Hard-Working-Man ein Idealbild, dem die meisten Männer hinterherlaufen. "Ich hatte mal eine Familie, ich musste sie dem Beruf opfern, weil ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss." (Nebenbei dann Frau und Kinder durch eine 20 Jahre jüngere Fachkraft aus der Buchhaltung austauschen.)

Schönen Dank, John Wayne und all ihr Betonköpfe! Ihr seid keine harten Kerle, Ihr seid dumme Penner, die in den archaischen Denkmustern der Steinzeit hängen geblieben sind! Ich will nicht als so einer wahrgenommen werden, nur weil ich ein Mann bin, ich will dokumentieren, dass auch Männergehirne mitbekommen haben, dass wir das Jahr 2012 haben. Aber ich schweife ab...

Begriff der Karriere neu denken

Warum muss denn eigentlich meine Karriere unter einer 50/50-Regelung leiden? Müssen wir nicht den Begriff der Karriere neu denken? Kann ich nur Chef des Konzerns werden, wenn ich 78h die Woche runterkloppe und mit 56 sieben Bypässe habe? Können nicht Frau Kollegin X und ich die Teamleitung gemeinschaftlich übernehmen? Wie geht das, wie organisiert man Arbeit so, dass man mit 30 Stunden pro Woche auskommt? Wie kriegen wir den Männern beigebracht, dass nicht allein der Beruf das männliche Ideal verkörpert? Wie kriegen wir es hin, dass die Kollegen einem Mann, der zu 50 Prozent Familienarbeit übernimmt, höchste Anerkennung zuteil werden lassen (die ihm zweifelsohne mehr gebührt als einem Workaholic, der 78 Stunden pro Woche abreißt?).

Was müssen wir tun, damit 50/50-Regelungen als anzustrebendes Ideal wahrgenommen werden? Wie kriegen wir das hin, dass die Partner die Entscheidung selbst für sich treffen? Was sind genau die konkreten Hürden und wie kann man die verringern? Welche Infrastrukturen brauchen wir dafür? (Logisch: U3-Betreuungsplätze für alle, aber was brauchen wir noch?)

Wie gut muss Arbeit bezahlt sein, damit man in 30 Stunden genug Geld verdient, um sein Leben bequem einrichten zu können? Und wenn dann die Denke einsetzt "Von 30 Stunden kann ich gut leben, dann kann ich von 60 Stunden noch besser leben", wie begegnet man dem? Nochmal die Wertediskussion: Wie kriegen wir es hin, dass nicht der monatliche Betrag, der mir überwiesen wird, mein Selbstbewusstsein bestimmt, sondern die funktionierende Organisation meines Lebens? Wie kriegen wir es hin, dass man den einen Tollen Hecht nennt, der die perfekte Mischung aus Familie und Job hinbekommt? Wie kommen wir von diesem bloßen Zeitfaktor in der Arbeitswelt weg, warum werde ich nach Stunden bezahlt und nicht nach gelösten Aufgaben?

Anerkennung für das Meistern von Job und Kind

Was hindert die Supermänner der Arbeitswelt, die ja sonst auch alles prozessgetrieben organisiert kriegen, die Prozesse im Arbeitsleben derart auszugestalten, dass alle Tasks getan sind, auch wenn der einzelne nur 30 Stunden pro Woche arbeitet? Können zwei in je 30 Stunden nicht vielleicht sogar effizienter sein als einer in 60? Können wir in die Köpfe der Kollegen kriegen, dass ich mich nicht auf die Couch lege und Bier trinke, wenn ich um 15:00 das Büro verlasse? Kann ich nicht Anerkennung dafür bekommen, dass ich Familie und Job gewuppt kriege? Ist das nicht das viel bessere Männlichkeitsideal im Vergleich zu den verbretterten Hard-Working-Men?

Ach so, noch ein anderer Aspekt: Eine 50/50-Regelung ist was ganz Tolles für die Beziehung. Nehmen wir die klassische Situation: Einer kommt nach 11 Stunden Meeting-Marathon nach Hause, der andere drückt dem Partner das schreiende Kind in den Arm und sagt "Mir reicht's, ich muss jetzt erstmal raus hier, ich geh einkaufen." In der 50/50-Regelung kennen beide Partner beide Perspektiven auf diesen Sachverhalt. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass man nicht bei seinem Partner um Verständnis für irgendwas werben muss, denn das Verständnis ist bereits da.

50/50-Regelung schafft Wir-Gefühl

Wenn man es tatsächlich hinbekommt, dass wirklich alles zu 50% von beiden gemacht wird, entsteht ein sehr starkes Wir-Gefühl. Natürlich ist es dazu nötig, dass auch der Herr des Hauses die Haushaltstasks verinnerlicht hat und nicht nur ein Pro-Forma-Wickelpraktikum macht. Es reicht nicht, wenn Mann mal die Windeln wechselt (und stolz noch verkündet: "Ich hab's ganz alleine gemerkt und OHNE Aufforderung den Pamper gewechselt! Komm ich jetzt ins Fernsehen?").

Zu der wirklichen Haushaltsarbeitsteilung gehört, dass beide immer wissen, wie viele Windeln noch im Haus sind, ob noch genug Brot für die Kindergartenbrotdosen morgen früh da ist, ob die Wäscheberge das Badezimmer verdunkeln und dass man rote Socken nicht mit weißen Hemden waschen darf. Dazu gehört, dass man immer weiß, ob noch Paracetamol 250 im Haus ist und dass die ganz kleinen das noch nicht bekommen dürfen (sondern nur das 125er...), dazu gehört, dass man erkennt, wann die Betten frisch bezogen werden müssen und dass das Spülmaschinensalz alle ist. Dazu gehört, dass man auf dem Schirm hat, dass die Oma morgen kommt und man ihr einen Essensplan für den morgigen Tag hinlegen muss und dass morgen die Restmülltonne geleert wird.

Das weiß man natürlich nicht auf Anhieb. Das wissen die Frauen aber auch nicht auf Anhieb, wenn man gerade so eine Familie gründet. Man muss sich das zusammen erarbeiten. Und man muss diese Erkenntnisse teilen. Und zumindest nach meiner Erfahrung kommt am Ende dabei ein sehr starkes Gefühl heraus, dass man zusammen mit seinem Partner am selben Seil zieht. Das ist in der Tat sehr erfüllend. (Leserkommentar, Maxim Loick, derStandard.at, 11. 03. 2013)

Maxim Loick, 38, selbstständiger IT Berater, Bonn. Dieser Text erschien ursprünglich auf dem Blog loick.de.

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