Andere Lesart des Grünen PolitikerInnen-Plakats

Leserkommentar11. März 2013, 11:24
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Faymann, Spindelegger, Strache und Stronach könnten genauso gut Frauen sein

Richard Schuberth und Bernhard Jenny, zwei, mit denen ich meistens d'accord gehe, beklagen im STANDARD das Frauentags-Plakat der Grünen (der eine im Kommentar der Anderen, der andere in einem Posting darunter). Und ich bin diesmal mit beiden nicht ganz einer Meinung. Denn meiner Ansicht nach hat das Plakat zwei Lesarten.

Eine lautet: wenn ihr keine Frauen an die Spitze lasst, kleiden wir euch eben um. Das ist zugegebenermaßen die faschingshafte Lesart. Auf diese Lesart beziehen sich auch Jenny und Schuberth, wenn sie das Plakat kritisieren und ich gebe zu, ich kann ihr ebenfalls wenig abgewinnen. Das Spiel mit Verkleidungen, die Notwendigkeit, sich als Frau zu kleiden, aber als Mann zu gebärden. Der Vorwurf an Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sie würden vermännlichen. Die Strategie, Politiker durch eine Assoziation mit weiblichen Attributen zu desavouieren – das alles sind Themen, mit denen sich Frauen noch immer ständig auseinandersetzen müssen, sobald sie die ihnen primär zugeteilte Aura des Häuslichen verlassen.

An der Spitze könnte genauso gut eine Frau stehen

Worum es mir aber eigentlich geht: Es gibt von dem Plakat eine zweite Lesart und die lautet: Faymann, Spindelegger, Strache und Stronach könnten genauso gut Frauen sein -  insofern nämlich, als an der Spitze der vier Parteien genauso gut eine Frau stehen könnte. Wieso das aber nicht der Fall ist (und auch nicht so schnell der Fall sein wird), das kann zwei Gründe haben.

Einerseits, weil eine Frau wahrscheinlich inmitten innerparteilicher Kämpfe nie durch die vielzitierte gläserne Decke gelangt wäre. Andererseits: Möglicherweise wären Frau Faymann, Spindelegger, Strache und Stronach auch deswegen nie an die Spitze ihrer Parteien gekommen, weil die Öffentlichkeit Politikerinnen eben gänzlich anders begegnet als Politikern.

Und genau das zu thematisieren, kann dieses Plakat eben auch leisten:  Dieselben Gesichter in Frauenkleidern wirken plötzlich  nicht staatsmännisch, sondern lieb, engagiert und hausfräulich. Einer Frau Strache traut man scheinbar nicht dieselben Bösartigkeiten zu, wie einem Herrn Strache. Und was wäre wohl mit einer Frau Stronach, wenn diese ein einziges Mal auch nur halb so wirr antwortet, wie das ein Herr Stronach beständig tut?

Diese Frau käme schlicht nie wieder in die Nähe einer Kamera. Sie würde bemitleidet, belächelt, aber in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr würde sich niemand mehr begeben. Stellen wir alle – beabsichtigt oder unbeabsichtigt, bewusst oder unbewusst – nicht auch höhere Ansprüche an Frauen in der Politik als an Männer? Dürfen sich Politikerinnen im Licht der Öffentlichkeit dieselben Fehler leisten wie Männer? Ich denke nicht. Und genau das zu thematisieren kann dieses Plakat eben auch leisten. (Leserkommentar, Alexandra Siebenhofer, derStandard.at, 11. 03. 2013)

Alexandra Siebenhofer ist ehrenamtliche Redakteurin bei Radio Stimme, dem politischen Magazin der Initiative Minderheiten auf Radio Orange.

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