Früher Hatsch zum Vernatsch

11. März 2013, 16:54
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Jetzt ist die beste Zeit für eine Weinwanderung in Südtirol. Denn neben Apfelbäumen blühen im Frühling auch die Winzer beim Erzählen auf

Vom Wein namens Kalterersee hieß es früher, dass mehr davon auf dem Markt sei als Wasser im gleichnamigen See. Doch die Zeiten des billigen und dubiosen Massenweins sind längst vorüber, heute setzt man im Weingebiet rund um den idyllisch gelegenen Südtiroler See voll und ganz auf Qualität. Das vermitteln auch die nüchtern-modernen Verkaufs- und Verkostungsräume des Winecenter Kaltern, eines imposanten Gebäudes aus dem Jahr 2006, gestaltet von der Wiener Architektengruppe feld72.

"Geografisch geschützt ist die Bezeichnung Kalterersee leider noch immer nicht", sagt Sarah Filippi bei einer Führung durch die Kellerei mit anschließender Weinverkostung, "nach wie vor kann Wein dieses Namens in einem Gebiet erzeugt werden, das sich von Bozen bis hinunter ins Trentino erstreckt." Filippi ist Geschäftsführerin der Vermarktungsgenossenschaft Kaltern, die sehr darum bemüht ist, den Namen des Weinortes reinzuwaschen vom Fusel- und Schnulzen-Image vergangener Jahre. Teilweise ist das bereits gelungen: Im vergangenen Jahr hat erstmals in der Geschichte ein Wein mit der Bezeichnung Kalterersee die begehrten "tre bicchieri" erhalten, "die höchste Auszeichnung, die der angesehene Weinführer Gambero Rosso zu vergeben hat", sagt Filippi. Der Puntay 2010 von der Kellereigenossenschaft "Erste und Neue" ist ein sortentypischer, hell rubinroter Vernatsch, leicht, fruchtig und säurebetont, wie er am besten passt zur deftigen Südtiroler Küche, zu Schweinernem, Knödeln und Speck.

Gleich hinter dem cool gestalteten Winecenter führt ein geradezu kitschig anmutender Wanderweg hinab zum wärmsten See der Alpen, vorbei an blühenden Kirsch- und Apfelbäumen und durch fein säuberlich geschnittene Reben in die Weingärten der Genossenschaft. Beim architektonisch gelungenen Seebad Kaltern, das ebenfalls 2006 und vom gleichfalls aus Wien stammenden Architekturbüro the next Enterprise gestaltet wurde, hat man die Wahl, entweder den Seerundgang fortzusetzen oder aber abzubiegen Richtung Westen, durch den Ortsteil Sankt Johann am See.

Hier betreibt der junge Winzer Dominikus Morandell ein kleines Weingut - mit beeindruckendem Blick auf die Weinberge, den türkisglitzernden See und die schneebedeckten Spitzen der Zwillingsberge Schwarzhorn und Weißhorn als Hintergrund. Außer zwei Hektar Äpfel baut Morandell bescheidene drei Hektar Wein an, bestückt mit den zwei roten Sorten Lagrein und Vernatsch und dem weißen Gewürztraminer. Wie noch einige andere Winzer rund um den Kalterersee zieht Morandell seinen Vernatsch nach der althergebrachten Pergola-Methode auf, die sie hier auch liebevoll Pergl nennen und bei der die Reben über ein Holzgerüst gezogen werden und ein Laubdach bilden, von dem die Trauben herabhängen.

Erziehung zur Landschaftspflege

"Natürlich ist das nicht das praktischste Erziehungssystem", sagt der Winzer, "die gesamte Laubarbeit muss von unten gemacht werden, mechanisch geht da gar nichts. Aber für den Vernatsch ist es ideal, weil es seine Trauben vor zu viel Sonne und den Boden vorm Austrocknen schützt." Im Übrigen gehe es auch um Tradition, die Pergl-Anbaumethode gehöre zur Pflege des Landschaftsbilds, fügt er hinzu. Reifen lässt Morandell seine Weine in einem etwas bizarr anmutenden Keller, den sein Vater in mühevoller Kleinstarbeit in den Felsen gegraben hat.

Von dem kleinen Weingut geht es noch ziemlich steil bergauf, immer tiefer hinein in den Altenburger Wald, über Brücken, Treppen und Stege durch die Rastenbachklamm, mit wiederholt atemberaubenden Ausblicken auf das gesamte Gebiet Überetsch und Teile des Unterlands; und weiter bis in den Ortsteil Altenburg, auf über 600 Meter Seehöhe. Im Ausflugsgasthaus Sonnegghof kommen - nach sechs Kilometern Fußmarsch über 400 Höhenmeter und zwei Weinverkostungen - ein kühles Forst-Bier vom Fass und ein Teller Schlutzkrapfen zum Mittagessen gerade recht.

Von hier geht der Abstieg durch Wälder und Weinberge in Richtung Söll und hinunter zum mythischen Weinort Tramin, dem der Gewürztraminer seinen Namen verdankt. Dort liegen einige der berühmtesten Weingüter Südtirols und Italiens, darunter jene von Josef Hofstätter und von Elena Walch.

Im Weingut Walch sind die einfachen Weine schon abgefüllt, bis April werden die Premiumweine folgen. "Es ist eindeutig wärmer geworden in den vergangenen Jahren", sagt Walch bei einer Führung durch das herrschaftliche Anwesen mit gepflegtem Park und gestyltem Bistro, "im Schnitt haben die Weine dadurch eine kräftigere Dichte und eine Tiefe, die in den ausdrucksvollsten Weißweinen zu spüren ist." Doch treffe dies keinesfalls auf alle Jahrgänge zu, so sorgte ein kühler Sommer im vergangenen Jahr für Weißweine mit großer Frische und Rasse, dafür aber etwas weniger Kraft, meint Walch.

Vernatsch und Pergl-Anbau hat sie schon in den 1980er-Jahren aufgegeben, danach verstärkt die zweite autochthone Rotweinsorte, den dunkelroten Lagrein, gepflegt, und ihm so zu internationalem Renommee verholfen. Aber zum wahren Star in ihrer Heimat wurde die gelernte Architektin durch ihre Weißweine - was ihr auch den Beinamen La Signora del Gewürztraminer einbrachte.

Warum ihre Weine in Österreich bei weitem nicht so bekannt sind wie in Italien, kann sie selbst auch nicht erklären. Aber vor allem seien es ja die Südtiroler Weißweine, die die Italiener so schätzten, weil sie eine ausgewogene Säure, Kraft und Frische erreichten, die anderswo im Land nur schwer zu erzielen seien. "Und die Österreicher haben nun mal ihre eigenen Weine, die sie so sehr lieben und unterstützen, dass für das Nachbarland kaum Platz bleibt", bedauert Walch.

Nach einer dritten und letzten Verkostung empfiehlt es sich, mit dem öffentlichen Bus nach Kaltern zurückzufahren, gleichsam kulturell bereichert und etwas ermattet von einer Wanderung zum jungen Südtiroler Wein. (Georges Desrues, DER STANDARD, Rondo, 8.3.2013)

Service

Neben Schneeschuh- und Gebirgswanderungen organisiert das Wanderhotel Cyprianerhof in Tiers auch geführte Weinwanderungen. Der Hotelier Martin Damian ist ausgebildeter Wanderführer und ein großer Kenner der Südtiroler Weine und der Weinbauern, mit denen er die Verkostungen vereinbart. Neben der beschriebenen Wanderung werden unter anderen angeboten: Die Wanderung vom Weingut Ochsen-reiter im Blauburgundergebiet Buchholz bis ins italienischsprachige Trentino nach Faedeo zum Agriturismo Maso Nello und weiter zum Weingut Pojer und Sadri mit Wein- und Grappaverkostung. Oder auch eine Weinwanderung im Weißweingebiet Eisacktal, von Klausen zum Kloster Säben, über den wunderschönen Kastanienwanderweg nach Tschötsch und weiter nach Feldthurns zum Bio-Wein- und Obstbauern Peter Plieger. Unterkunft: Wanderhotel Cyprianerhof, Tel.: +39/471/64 21 43. Am 28. April findet ein Weinwandertag statt, bei dem zahlreiche Weingüter den Wanderern Türen und Keller öffnen. Infos unter: www.wein.kaltern.com, Tel.: +39/471/96 54 10.

  • Das Versprechen der Landschaftspflege wird um den Kalterersee unterschiedlich eingelöst.
    foto: georges desrues

    Das Versprechen der Landschaftspflege wird um den Kalterersee unterschiedlich eingelöst.

  • Reben, die nach oben streben, sind im Frühjahr penibel beschnitten.
    foto: georges desrues

    Reben, die nach oben streben, sind im Frühjahr penibel beschnitten.

  • De nüchterne Architektur des Winecenter Kaltern reflektiert einen modernen Anspruch: Die Winzer wollen weg von der Massenproduktion und künftig nur mehr das Beste aus den autochthonen Sorten herausholen.
    foto: georges desrues

    De nüchterne Architektur des Winecenter Kaltern reflektiert einen modernen Anspruch: Die Winzer wollen weg von der Massenproduktion und künftig nur mehr das Beste aus den autochthonen Sorten herausholen.

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